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Der Erfurter Radprofi Tony Martin wurde 2010 Deutscher Meister im Zeitfahren © getty

Tony Martin spricht über neue Angebote nach dem Team-Aus, zieht ein persönliches Tour-Fazit und bewertet das Dopingproblem.

Von Olaf Mehlhose

München - Turbulente Zeiten für Tony Martin.

Nachdem er sich bei der Tour de France bereits frühzeitig von seinem selbstgesteckten Ziel, einen Top-Ten-Platz zu erreichen, verabschieden musste, feierte er beim Zeitfahren am vorletzten Tour-Tag den heißersehnten Etappensieg.

Doch dem 26-Jährigen blieb nach der kräftezehrenden Rundfahrt kaum Zeit, die Erlebnisse aufzuarbeiten: Zunächst musste er das Aus seines Teams HTC Highroad hinnehmen, jetzt gilt die volle Konzentration Rad-WM in Dänemark.

Im Interview mit SPORT1 spricht Martin über Medaillenträume, das Aus seines Teams und mögliche Steigerungsmöglichkeiten.

SPORT1: Herr Martin, nach vier erfolgreichen Jahren müssen Sie sich ein neues Team suchen. Wie habe Sie das Aus für HTC Highroad aufgenommen?

Tony Martin: Es war eine sehr traurige Nachricht. Es stand schon längere Zeit im Raum, dass das Team im nächsten Jahr keinen Sponsor mehr hat und es zu Ende gehen wird. Insofern war ich schon darauf vorbereitet und habe Vorkehrungen getroffen. Aber als das definitive Aus bekanntgegeben wurde, war das schon ein herber Rückschlag. Ich war sehr traurig, weil ich viele Erfolge mit dem Team gefeiert habe.

SPORT1: Sportlich waren Sie und Ihre Kollegen sehr erfolgreich. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für das Aus?

Martin: Wir waren ein sehr erfolgreiches Team und sind nie durch irgendwelche Doping-Problematiken aufgefallen. Darüber hinaus haben wir auch gute Werte einen starken Teamzusammenhalt nach außen verkauft. Von daher denke ich, dass wir attraktiv für einen Sponsor gewesen wären. Warum es am Ende nicht geklappt hat, weiß ich einfach nicht.

SPORT1: Was waren die Gründe für den sportlichen Erfolg?

Martin: Wir sind nach dem Motto gefahren: Jeder kämpft für jeden. Es war uns relativ egal, wer am Ende gewinnt. Hauptsache die Titel bleiben im Team und das hat man auch gemerkt. Wir sind geschlossen gefahren und alle waren sehr motiviert. Dazu haben wir sehr gute Aufbauarbeit bei jungen Fahrern geleistet, bei mir angefangen, aber auch nach und nach Talente gefördert, die teilweise schnell zu Kapitänen gereift sind. Ich glaube auch, dass das Konzept mit Rolf Aldag in allen Bereichen gestimmt hat. Wir haben versucht, überall das Beste herauszuholen, sei es Material, Physiotherapeut oder Mechaniker. Wir haben nicht nur große Namen eingekauft.

SPORT1: Was sagt das Aus über das aktuelle Standing des Radsports im Allgemeinen aus?

Martin: Nicht allzu viel. Es ist ein normaler Zyklus im Radsport, dass Teams kommen und gehen. Es ist ja nicht so, dass keine neuen Teams entstehen oder eine Lücke klafft. Insofern würde ich das nicht negativ bewerten.

SPORT1: Sie werden mit nahezu allen Topteams in Verbindung gebracht. Ehrt Sie das Interesse?

Martin: Natürlich. Es ist schön, dass man so begehrt ist. Das spiegelt auch die harte Arbeit wieder. Für die Zukunft gibt mir das viel Selbstvertrauen. Ich bin natürlich in einer tollen Ausgangslage, mir das beste Team aussuchen und die besten Konditionen aushandeln zu können. Das bezieht sich nicht nur auf das Finanzielle, sondern auch auf das Material, und ob man Fahrer beziehungsweise den eigenen Physiotherapeut mitbringen kann. Ich versuche jetzt natürlich, das Optimum für meine Zukunft herauszuholen.

SPORT1: Sie haben gesagt, dass Sie sich in den nächsten zwei Wochen entscheiden wollen. Gibt es schon eine Tendenz?

Martin: Es gibt Tendenzen, aber da kann ich jetzt noch nichts zu sagen. Ich werde meine Entscheidung in den nächsten ein bis zwei Wochen bekanntgeben.

SPORT1: Die Tour der France verlief für Sie mit Höhen und Tiefen. Der Sieg im abschließenden Zeitfahren war sicher der Höhepunkt. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Martin: Ich habe mein großes Ziel, einen Top-Ten-Platz zu erreichen, klar verfehlt. Das hat auch ein paar Zweifel an der Zielsetzung aufkommen lassen und war nicht sehr schön für mich. Auf der anderen Seite steht natürlich der lang ersehnte Etappensieg. Abschließend kann man vielleicht sagen: Wenn man eine Etappe bei der Tour gewinnt, war es eine erfolgreiche Tour.

SPORT1: Was hat Sie um eine bessere Platzierung im Gesamtklassement gebracht?

Martin: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Mein gesamter Fokusliegt nun auf den Weltmeisterschaften. Im Winter werde ich meine ganze Energie darauf verwenden, das Ganze noch mal aufzuarbeiten.

SPORT1: Sie sprechen die WM an. Mit welcher Zielsetzung fahren sie nach Dänemark?

Martin: Der Weltmeistertitel im Zeitfahren ist mein klares Ziel.

SPORT1: Und im Einzelrennen?

Martin: Da werde ich keine große Rolle spielen. Es soll ja ein Sprinter-Kurs sein und das ist nicht wirklich mein Ding.

SPORT1: Wie sehen Sie ihre Entwicklung? In welchen Bereichen können Sie sich noch steigern?

Martin: Bei der Tour de France war zu sehen, dass ich im Bergfahren auf jeden Fall noch Luft nach oben habe. Da muss ich stärker werden. Im Zeitfahren werde ich mich wohl nicht mehr groß steigern.

SPORT1: Mit Ihnen, John Degenkolb, Marcel Kittel oder Patrick Gretsch kann man schon von einer mitteldeutschen Renaissance sprechen. Wo sehen Sie dafür die Gründe?

Martin: Man kann diese ganzen Fahrer, mich eingeschlossen, auf eine gemeinsame Vergangenheit zurückführen. Das ist Erfurt, das ist das Thüringer Energie-Team. Wir haben dieser Aufbauarbeit in Thüringen viel zu verdanken. Die soliden Grundlagen wurden schon in unserer Jugend gelegt, als Profis profitieren wir nun davon. Zudem haben wir alle eine sehr gesunde Basis, sind noch nicht verbraucht und haben uns über die Wettkämpfe bei den Profis weiterentwickelt. Dadurch haben wir ein hervorragendes Niveau erreicht.

SPORT1: Es gibt kein deutsches Spitzenteam mehr. Das Interesse von Sponsoren und Medien ist zurückgegangen. Ärgern Sie sich über die Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden?

Martin: Ärgern ist zu viel gesagt. Verärgert bin ich über vereinzelte Fälle, wie Patrik Sinkewitz, der es einfach nicht gerafft hat und meinte, weiter dopen zu müssen; oder über Stefan Schumacher. Ich unterteile da ganz gerne. In der Zeit vor der Wende, also bis zum Jahr 2006/2007, war es gang und gäbe zu illegalen Mitteln zu greifen, wenn man konkurrenzfähig bleiben wollte. Das heißt nicht, dass ich dafür Verständnis habe, ich kann es aber bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Danach hat es im Radsport aber einen Umbruch gegeben. Auf die Personen, die es jetzt immer noch nicht kapiert haben, habe ich einen Groll. Hoffentlich haben es jetzt auch die Dümmsten verstanden, und wir ziehen alle gemeinsam an einem Strang für sauberen Radsport.

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