"Cancellara, Schleck oder ich haben damit nichts zu tun"
Von Christoph Lother
München - Der Rekord, ach!
Jens Voigt schreibt in diesem Jahr Tour-de-France-Geschichte, aber er möchte nicht groß darüber reden.
Zum 15. Mal startet der mittlerweile 40-Jährige bei der Tour de France, als erster Deutscher überhaupt, löst damit Erik Zabel als Rekordteilnehmer ab.
Sein Handy klingelt deswegen gerade oft, alle wollen hören, was ihm das bedeutet. Aber Voigt mag nicht nostalgisch zurückblicken auf seine Anfänge im Jahr 1998, seine zwei Etappensiege 2001 und 2006, seine zwei Tage im Gelben Trikot 2001 und 2005.
Lieber will der RadioShack-Routinier über die Gegenwart reden, die ja turbulent genug ist. Im SPORT1-Interview der Woche spricht er über seine Vorbereitung, wie ihn die Stürze der vergangenen Jahre beeinflussen, und die Doping-Vorwürfe gegen seinen Teamchef Johan Bruyneel.
Es gibt nur noch ein Thema, über das Voigt auch nicht reden will: Über die Ermittlungen gegen Lance Armstrong, die ehemalige Frontfigur seines neuen Teams.
SPORT1: Der Tour-Start steht kurz bevor. Wie ist die Stimmung? Kribbelt es schon?
Jens Voigt: Natürlich schweifen die Gedanken schon voraus. Schließlich ist die Tour nicht nur irgendein Radrennen, sondern ein Abenteuer, das weltweit größte, jährlich stattfindende Sportspektakel. Es wird nur alle vier Jahre von der Fußball-WM beziehungsweise Olympia überdeckt.
SPORT1: Die Anspannung ist demnach deutlich größer als vor anderen Rennen.
Voigt: Auf jeden Fall. Es gibt mehr Lob, aber auch mehr Tadel zu ernten. Es ist mehr Spaß, aber auch deutlich mehr Verantwortung dabei.
SPORT1: Hat sich bei Ihrer persönlichen Vorbereitung auf die Tour im Laufe der letzten Jahre viel geändert?
Voigt: Grundsätzlich nicht. Man weiß, man hat das alles schon 14-mal gemacht und ist dadurch vielleicht einen Tick weniger nervös. Allerdings ist einem diese gewaltige Aufgabe, knapp 4000 Kilometer quer durch Frankreich zu fahren und die Alpen zu durchqueren, schon bewusst. Man fühlt sich bereit, etwas zu leisten. Aber es werden auch Tage kommen, an denen geht es einfach nicht. Das ist vielleicht der größte Unterschied zu den ersten ein, zwei Jahren, in denen man mit solch schlechten Tagen deutlich panischer umgeht. Da wird man mit der Zeit abgeklärter.
SPORT1: Früher waren Sie ein Etappenjäger. Fühlen Sie sich in Ihrer Rolle als Helfer wohl oder verspüren Sie nach wie vor diese Lust, auszureißen und vorne wegzufahren?
Voigt: Anfangs bin ich in Mannschaften gefahren, in denen die Taktik etwas offener gestaltet wurde und die Leute auch einfach mal drauflos fahren konnten. Das ist jetzt, in einem Team mit solchen Leadern wie zum Beispiel den Schleck-Brüdern, anders. Da sitzt das taktische Korsett schon deutlich enger. Im letzten Jahr waren wir vielleicht auch leichter ausrechenbar, weil die Gegner wussten, dass wir für Andy Schleck und auf jeden Fall auf Tempo fahren würden. In diesem Jahr ist Andy aber nicht dabei, vielleicht darf dann ein Fränk Schleck, ein Jaroslaw Popowitsch oder auch ein Andreas Klöden mal auf den Etappensieg fahren. Dementsprechend ändert sich meine Aufgabe als Helfer.
SPORT1: Wären Sie eigentlich auch gerne mal der Boss gewesen in Ihrem jeweiligen Team?
Voigt: Ich war oft genug der Boss, zum Beispiel bei der Bayern-Rundfahrt oder der Deutschland-Tour. Aber man muss sich auch kennen, und mir war immer klar, dass das bei der Tour de France nichts für mich ist. Nicht jeder kann so schön und ergreifend schreiben wie Hemingway - und so ist es bei mir mit der Tour. Das ist mit meinem Körper so nicht machbar.
SPORT1: In Ihrem Team herrscht große Unruhe. Das Verhältnis zwischen den Schleck-Brüdern und Manager Johan Bruyneel gilt zum Beispiel nicht gerade als das Beste. Wie sehr nimmt Sie das mit?
Voigt: Klar berührt einen das, mich als emotionalen Menschen sowieso. Wahrscheinlich haben wir auch das eine oder andere wirklich zu öffentlich ausgetragen. Nach außen hin keine Einheit zu bilden, war sicherlich nicht förderlich. Das muss künftig besser laufen, und da arbeiten wir dran.
SPORT1: Und wie nehmen Sie die Affäre um Bruyneel und die Dopinganklage der amerikanischen Antidopingagentur auf? ( Dopingvorwürfe: Bruyneel verzichtet auf Tour)
Voigt: Jetzt müssen wir erst mal schauen, dass wir die Tour als Mannschaft gut rumbekommen. Fahrer wie Cancellara, Schleck oder ich haben mit dieser Sache nichts zu tun. Dementsprechend konzentrieren wir uns jetzt dreieinhalb Wochen voll und ganz auf unseren Beruf. Alles andere kommt danach. ( RadioShack: Dem Super-Team droht der Absturz)
SPORT1: Ihr Team gilt als "Real Madrid des Radsports". Spüren Sie besonderen Druck oder hemmt Sie das sogar?
Voigt: Diesen Druck haben wir das ganze Jahr, und bisher haben wir nicht so viel gewonnen, wie wir gerne gewonnen hätten. Zuletzt gab es aber ganz gute Tendenzen, bei der Dauphine Libere, der Tour de Suisse oder der Luxemburg-Rundfahrt. Ich denke, wir haben den Bogen rechtzeitig bekommen.
SPORT1: Haben Sie sich für Ihre 15. Tour denn etwas Bestimmtes vorgenommen?
Voigt: Mein Traum war es immer, mit einem der Schlecks in Gelb gemeinsam nach Paris zu kommen. Dabei bleibt es auch. Man wird ja bescheidener im Alter, und am liebsten würde ich einfach mal ohne irgendeinen spektakulären Sturz durchkommen.
SPORT1: Fahren die Stürze der vergangenen Jahre im Unterbewusstsein noch mit oder haben Sie sie verdrängt?
Voigt: Sie fahren nicht unbedingt mit, aber es ist einfach komplett unnötig, irgendwo in Frankreich einen Quadratmeter Haut rumliegen zu lassen. Das schwächt einen und macht einen langsamer. Dabei ist die Tour auch so schon schwer genug.
SPORT1: Wenn Sie sich die jüngeren Deutschen im Feld anschauen. Gibt es da einen, dem Sie ganz besonders viel zutrauen?
Voigt: Ein Tony Martin ist sicherlich schon mittendrin in einer großen Karriere und wird uns in den kommenden Jahren genauso viel Freude machen wie ein Andre Greipel. Es ist natürlich schwer für die Jungen, sich durchzubeißen, aber hinsichtlich der Zukunft bin ich da nicht bange.