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Bradley Wiggins wurde im Prolog-Zeitfahren Zweiter hinter Fabian Cancellara © getty

Der Mann in Gelb rastet beim kritischen Thema aus. Nach der Wandlung vom Bahnfahrer zum Kletterer dominiert Wiggins die Tour.

Von Raphael Weber

München - Der Argwohn fährt immer mit.

Seit ihren Anfängen vor über 100 Jahren ist Doping ein ständiger Begleiter der Tour de France (täglich im LIVE-TICKER), auch die 99. Ausgabe bildet da keine Ausnahme.

Bradley Wiggins stinkt der Verdacht, der sich stets an den Mann in Gelb heftet, gewaltig. Entsprechend genervt reagierte der Brite, angesprochen auf die Mutmaßung, ein Tour-Sieg sei nur mit Doping zu erringen.

Als "fucking wankers", zu Deutsch: "beschissene Wichser", beschimpfte er die Kritiker und fügte an, auf die Meinung und Kommentare solcher Leute gebe er nichts.

Wutausbruch und Abgang

Schauplatz des Wutausbruchs war die obligatorische Fragerunde des Gelb-Trägers nach der 8. Etappe am Sonntag. Konkret ging es um die Frage, wie Wiggins auf Twitter-Attacken reagiere, die Doping betreffen.

"Ich geb' mich mit solchen Leuten nicht ab. Für sie ist es doch leicht, anonym bei Twitter diesen Mist zu schreiben. Das ist einfacher, als selbst den Arsch hochzubekommen. Sie wissen doch genau, dass sie in ihrem Leben nichts erreichen werden", wütete der Brite.

Nach seiner Verbalattacke war die Pressekonferenz für Wiggins beendet, und er zog wütend von dannen.

Ein Sprecher seines Sky-Teams entschuldigte sich für den Briten: "Bradley war da etwas ungehalten."

Fast Höchststrafe für Evans

Mit seinem Ausraster hat Wiggins sich die erste Scharte bei einer Tour zugefügt, die er bislang klar dominiert.

So nahm er Cadel Evans (BMC), seinem Hauptkonkurrenten um das Gelbe Trikot und selbst sehr guten Zeitfahrer, satte 1:43 Minuten ab und stand zwischenzeitlich gar kurz davor, den Australier zu überholen.

Zwar blieb Evans diese Höchststrafe erspart, aber Wiggins hat eindrucksvoll seine Vormachtstellung untermauert. Erneut. 583323(DIASHOW: Die Bilder der zweiten Woche

Sky-Armada gnadenlos

Denn bereits auf der 7. Etappe dünnte die Sky-Armada unter Wiggins' Führung das Favoritenfeld bei der ersten Bergankunft der Tour 2012 hinauf zur Planche des Belles Filles empfindlich aus.

Gnadenlos forcierte das britische Team im Schlussanstieg das Tempo, ein Gelb-Kandidat nach dem anderen musste abreißen lassen.

Den Etappensieg holte sich jedoch nicht etwa Wiggins, der dennoch die Gesamtführung übernahm, sondern sein Edelhelfer Christopher Froome, der den gesamten Aufstieg geackert hatte.

Parallelen zum Armstrong-Express

Und so kommen nicht nur in der Fangemeinde Vergleiche zum US-Postal-Express von Lance Armstrong auf, der über Jahre die Tour fest im Griff hatte.

Um den siebenmaligen Tour-Sieger und seine Mannschaft ranken sich seit langem Dopinggerüchte, aktuell wird Armstrong von der US Dopingagentur verklagt.

Wiggins selbst erklärt, er habe sich nie illegaler Substanzen bedient: "2002 bin ich als Neuprofi in ein Team (FDJeux, Anm. d. Red.) gekommen, das eine klare Anti-Doping-Linie fuhr."

"Aber ich wäre sicher gefährdet gewesen - ich war 21, lebte alleine in Frankreich, stand unter Druck und hatte niemanden, mit dem ich meine Probleme teilen konnte", erinnerte sich der Brite einst.

Alkohol-Absturz 2004

Doch bei allem Dopingverdacht, den auch Wiggins begleiten mag: Der Brite hat eine erstaunliche Wandlung hinter sich. (DATENCENTER: Die Ergebnisse der Tour)

Nach seinem Olympiasieg 2004 war er schon am Boden, dem Alkohol erlegen.

"Ich hatte bei Olympia in Athen 2004 alles erreicht. Ich stürzte ab. Mir blieb nur noch das Bier" erinnerte er sich später: "Sechs Stunden am Tag, eine Flasche nach der anderen, fast ein ganzes Jahr."

Erst durch die Schwangerschaft seiner Frau Cath schaffte er den Absprung.

Vom Bahnfahrer zum Gipfelstürmer

Wiggins kam zurück, verteidigte auf der Bahn von Peking 2008 seinen Olympiatitel in der Einzelverfolgung und holte auch noch Gold in der Mannschaftsverfolgung.

Umso erstaunlicher ist die Verwandlung des Sprinters zum Kletterer.

2009 baute Wiggins seinen Körper um, nahm sechs Kilo ab und konnte so auch plötzlich Armstrong bei der folgenden Tour auf dem Weg zum Mont Ventoux folgen.

Zweifel beseitigt oder vestärkt?

Mit seinen Straßen- und Kletterqualitäten hatte sich Wiggins schon im Vorfeld zum Topfavoriten bei der Tour 2012 aufgeschwungen.

Die Gesamtsiege bei Paris-Nizza, der Tour de Romandie und dem Criterium du Dauphine ließen bereits erahnen, wie stark der Brite ist. (578701DIASHOW: Die Etappenprofile)

Seine Machtdemonstrationen im Zeitfahren und hinauf zur Planche des Belles Filles dürften die letzten Zweifel beseitigt haben, andere mögen gerade deshalb verstärkt worden sein.

Des Toursieges sicher ist sich Wiggins ohnehin noch nicht: "Der Weg nach Paris ist noch lang. Bekanntlich ist die Oper nie vorbei, bevor die fette Frau gesungen hat. Und die hat noch nicht einmal die Bühne betreten."

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