"Was für ein mieser Dreckskerl tut so etwas?"
Pau - Unverantwortlich", "dumm", "kriminell".
Der Reißnagel-Skandal auf der 14. Etappe der Tour de France ( täglich im LIVE-TICKER) nach Foix ( Bericht) erhitzte am Montag noch immer die Gemüter.
Fahrer und Organisatoren sind empört, die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aufgenommen. Von einer Sicherheitsdebatte will dennoch niemand so recht etwas wissen.
Der dichte Kontakt mit den Fans ist eine liebgewonnene Tradition, eine noch umfangreichere Absperrung des Strecke nicht gewollt und schlicht nicht umsetzbar.
"Es ist traurig"
Zudem ist es nicht das erste Mal, dass Zuschauer Einfluss das Rennen genommen haben.
"Ich weiß nicht, ob es gegen jemand bestimmtes gerichtet war. Es ist traurig, aber mit solchen Dingen müssen wir als Radsportler eben leben", sagte der Gesamtführende Bradley Wiggins. (DATENCENTER: Die Ergebnisse der Tour)
Der Brite gehörte zu denen, die in Folge der Attacke auf der Abfahrt von der Mur de Peguere ihr Rad wechseln mussten. (DIASHOW: Die Bilder der zweiten Woche)
Reißnägel und spitze Metallgegenstände
An der steilen Anhöhe, die nun einen Platz in den Tour-Geschichtsbüchern sicher hat, hatten Unbekannte Reißnägel und anderen spitze Metallgegenstände auf die Straße geworfen.
Bei über 30 Fahrer führte dies zu Defekten an den Reifen, einzig positiv ist wohl die Tatsache, dass der Angriff nicht auf der Abfahrt passierte.
"Hätte tragische Folgen haben können"
"Das hätte tragische Folgen haben können", sagte Tour-Direktor Christian Prudhomme. Die Wut im Peloton war dennoch riesig. "Was für ein mieser Dreckskerl tut so etwas", twitterte etwa Weltmeister Mark Cavendish.
Sky-Kapitän Wiggins, der bereits auf der 12. Etappe von einer Leuchtfackel eines Zuschauers am Arm verbrannt worden war, wurde nachdenklich.
Wiggins: Sind angreifbar
"Die Leute betrachten es als selbstverständlich, dass sie uns so nahe kommen können. In einem Fußballstadion würde man dafür verhaftet werden, aber wir sind da draußen manchmal ziemlich angreifbar", sagte der 32-Jährige.
"Aber am Ende des Tages sind wir auch nur Fahrer. Es ist sehr traurig, und hoffentlich passiert das nicht nochmal." (SERVICE: Das Ranking der Favoriten)
Wer gewinnt die Tour de France?
Ausschließen lässt es sich dennoch nicht. Bewusste, aber auch unabsichtliche Angriffe haben bei der Tour fast schon Tradition.
Guerini von Fotograf gerammt
Auf der 10. Tour-Etappe 1999 etwa stürmte Telekom-Profi Giuseppe Guerini in Führung liegend dem Ziel im legendären L'Alpe d'Huez entgegen, als plötzlich ein Hobby-Fotograf auf dem Mittelstreifen stand und Guerini vom Rad rammte.
Auf der schweren Pyrenäen-Etappe 2003 hinauf nach Luz-Ardiden belauerten sich die Favoriten Lance Armstrong, Jan Ullrich und Iban Mayo.
Armstrong bleibt an Stoffsack hängen
Als Armstrong gerade das Tempo verschärfte, blieb er mit dem Lenker in der Schnur eines gelben Stoffsackes hängen, den ein Fan zu weit in die Straße hielt. Armstrong stürzte, Mayo fiel über ihn, Ullrich konnte ausweichen.
Der Amerikaner musste das Rad tauschen, Ullrich und Mayo warteten.
Nicht erste Negativ-Erfahrung für Evans
Auch Titelverteidiger Cadel Evans (BMC Racing), der prominenteste der betroffenen Fahrer am Sonntag, hat bereits negative Erfahrung mit Zuschauern gemacht.
Bei der Spanien-Rundfahrt 2009 kostete ihn ein Platten am Hinterreifen nach einer Attacke vermutlich den Titel. "Das gleiche ist mir schon zwei Mal in Spanien passiert. Deshalb fahre ich dort nur selten Rennen", sagte der Australier.
Derweil dürfte die hinterhältige Attacke für die Täter ein Nachspiel haben.
Anzeige gegen Unbekannt
Die Tour-Organisatoren der ASO erstatteten Anzeige gegen Unbekannt, die Staatsanwaltschaft ermittelt mit einer Sonderkommission der Polizei in der Angelegenheit.
"Wir verurteilen dieses unverantwortliche und gefährliche Verhalten aufs Schärfste. Es war ein Versuch, den reibungslosen Ablauf des Rennens und die Unversehrtheit der Fahrer zu gefährden", hieß es in einem Statement der ASO.
Nach dem Ruhetag am Dienstag steht die Königsetappe der Tour in den Pyrenäen auf dem Programm. (DIASHOW: Die Etappenprofile)
Zehntausende Fans, darunter die für ihre Leidenschaft berühmten Basken, werden die Strecke säumen. Nicht nur Cadel Evans wird vermutlich genauer auf die Straße schauen.