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Auf der 7. Etappe ließ Froome (r.) Kapitän Wiggins im Schlussspurt stehen und siegte © getty

Wiggins scheint bei der Tour nicht zu stoppen. Teamkollege Froome muss wider besseres Wissen stillhalten und stellt Forderungen.

Pau - Schon beim Frühstück am Morgen des Ruhetags erhielt Bradley Wiggins eine Ahnung davon, was ihm blühen wird.

Der Blick aus den riesigen Fenstern des Restaurants im vornehmen Hotel Parc Beaumant in Pau, wo der Topfavorit auf den Tour-Sieg mit seinem Sky-Team residiert, zeigte ihm die majestätischen Bergriesen der Pyrenäen vor einem traumhaft wolkenlosen Himmel.

Wiggins muss noch einmal ganz hoch hinaus, um am Sonntag in Paris ganz oben anzukommen. (SERVICE: Das Ranking der Favoriten)

Trotz eines stattlichen Polsters darf er sich keinen Einbruch erlauben. Denn neben dem angeschlagenen Titelverteidiger Cadel Evans könnte dann vor allem Sky-Edelhelfer Christopher Froome zuschlagen.

Wiggins vor großer Herausforderung

"Das Gelbe Trikot zu verteidigen, wird noch eine große Herausforderung", sagte Wiggins, der den rennfreien Tag mit einer lockeren Ausfahrt, Massagen und Medienterminen verbrachte.

"Zu weit in die Zukunft denke ich aber nicht. Denn dann verliert man den Blick auf das, was unmittelbar vor einem liegt", erklärt der Brite. (DATENCENTER: Die Ergebnisse der Tour)

Und vor dem 32-Jährigen liegt noch einiges: Von den 736,5 km bis Paris werden 53,5 in seiner Spezialdisziplin Zeitfahren ausgetragen, aber allein 100 am Mittwoch und Donnerstag bergauf.

Massig Gelegenheit für die Verfolger, noch eine Wende herbeizuführen.

Die drohende Hitzeschlacht - am Mittwoch werden rund um Pau 34 Grad erwartet - lässt Wiggins dabei kalt: "Darauf sind wir eingestellt, haben deshalb auf Teneriffa trainiert."

Froome wird zurückgepfiffen

Der Mann, der Wiggins am ehesten gefährden könnte, wird dies nicht versuchen - vermutlich nicht.

Aufsteiger Christopher Froome, im Gesamtklassement als Zweiter 2:05 Minuten zurück, hatte schon bei der Bergankunft in La Toussuire Wiggins beinahe versehentlich abgehängt, musste von der sportlichen Leitung zurückgepfiffen werden.

Vor dem Tour-Finale versicherte Froome dem Kapitän seine Loyalität, dabei klang er aber schon deutlich forscher als noch zu Tour-Beginn.

Hält die Teamorder?

"Es ist ein großes Opfer für mich, denn ich weiß, dass ich die laufende Tour gewinnen könnte - allerdings nicht mit Sky", sagte der in Nairobi geborene 25-Jährige der "L'Equipe".

Er fügte an: "Wir hatten uns aufgrund der vielen Zeitfahr-Kilometer auf Wiggins ausgerichtet und jeder respektiert das." 586553(DIASHOW: Die Bilder der dritte Woche)

Eine Hintertür lässt er sich aber offen: "Klettern ist nicht Wiggins' Stärke. Wenn ich das Gefühl habe, wir verlieren die Tour, dann folge ich dem Stärksten - egal, ob es jetzt Evans oder Nibali ist."

Froome fordert Kapitänsrolle ein

Die Kapitänsrolle für das kommende Jahr beansprucht Froome, der mittlerweile auch exzellente Zeitfahr-Qualitäten entwickelt hat, schon jetzt.

"Wenn die Tour wirklich so bergig wie erwartet wird, hoffe ich, dass Sky mich fair behandelt und das Team für mich fährt. Wiggins ist ein Ehrenmann, er wird mich dann für meine jetzige Arbeit entlohnen und mir helfen."

Wie einst Ullrich und Riis

Die Konstellation bei Sky erinnert stark an das Team Telekom rund 15 Jahre zuvor.

1996 führte ein junger Jan Ullrich Kapitän Bjarne Riis ohne Rücksicht auf eigene Ansprüche zum Toursieg, 1997 bekam er in den Pyrenäen von Riis dann freie Fahrt.

Wiggins jedenfalls will sich dem nicht verschließen, sagte am Dienstag: "Bei diesem Projekt geht es nicht nur um mich. Wer auch immer im kommenden Jahr der Leader sein wird, ich werde da sein und Verantwortung übernehmen."

Evans will überraschen

Auch Cadel Evans wird 2013 noch dabei sein, doch schon jetzt steht der Titelverteidiger klar im Schatten der Sky-Dominatoren.

"Die Tour wird noch einige Überraschungen haben, und von denen will ich profitieren. Vor Paris werde ich nicht glauben, dass ich geschlagen bin", sagt Evans, in Pau wie der große Kontrahent Wiggins Hotel-Gast im Parc Beaumont, wo der Medienandrang am Dienstag entsprechend riesig war.

Im Zeitfahren abgehängt

Die Chance des derzeit mit 3:19 Minuten Rückstand auf Wiggins viertplatzierten Australiers ist freilich gering.

1:26 Minuten verlor der 35-Jährige im ersten langen Zeitfahren nach Besancon auf Wiggins, der letzte Kampf gegen die Uhr am Samstag in Chartres ist noch zwölf Kilometer länger.

Rund fünf Minuten müsste Evans demnach in den Pyrenänen auf Wiggins herausfahren - und dann ist da ja auch noch Froome.

Keine guten Aussichten

"Wiggins und sein Team sind so stark, dass sie mich in den Bergen niemals fahren lassen. Vielleicht sogar so stark, dass sie mich nirgendwo fahren lassen", sagte Evans.

Der Blick auf die Pyrenäen stimmt ihn pessimistisch: "Gute Aussichten sind das wirklich nicht."

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