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Sky-Profi Bradley Wiggins (M.) gewann 2012 als erster Brite die Tour de France © getty

Bradley Wiggins schreibt als erster britischer Tour-Sieger Geschichte. Es ist auch der Triumph über die Vergangenheit.

Paris - Bradley Marc Wiggins bleibt sich treu.

Gerade hat der 32-Jährige die Tour de France gewonnen und wird in seiner Heimat kurz vor den Olympischen Spielen in London bereits als der größte britische Radprofi aller Zeiten gefeiert.

Doch statt sich den Lobeshymnen und dem Glanz des Gelben Trikots auf seinen Schultern ungehemmt hinzugeben, versuchte Wiggins, Maß zu halten, einzuordnen, nicht abzuheben.

"Es ist wunderschön und brilliant, die Erfüllung eines Traumes", sagte Wiggins, "aber das alles ist nicht das echte Leben, am Ende des Tages ist es nur Sport. Es geht nicht um Leben und Tod."

Gedanken an die Familie

Laut dachte Wiggins an seine schwierige Kindheit. An seinen Vater, der einst Amphetamine in den Windeln seines Sohnes durch den Zoll schmuggelte und die Familie im Stich ließ.

An seinen 2010 verstorbenen Großvater, der ihn aufzog und sein Vorbild wurde. An seine Frau und seine Kinder. (586553(DIASHOW: Die Bilder der dritten Woche)

An die Personen, die ihm in seiner Lebenskrise beistanden, als er sich nach dem Bahn-Olympiasieg von 2004 an den Alkohol verlor.

"All das ist für sie. Es ist ein unglaubliches Gefühl, das mich angetrieben hat, weiterzumachen und mich immer härter zu fordern. Es ist zweifelsohne der Höhepunkt meiner Karriere, nicht aber meines Lebens. Ich habe so viele andere Sachen, die mir wichtiger sind", sagte Wiggins.

Riesige Erleichterung

Natürlich war die Erleichterung und Freude bei Wiggins riesig. Und natürlich benutzte er auch die üblichen Plattitüden.

"Unglaublich" sei das, was er erreicht hatte. "Beeindruckend" der Tour-Sieg, auf den er seit Jahren hinarbeitete, der ihm aber erst spät gelang.

2009 wurde er Vierter, 2010 nur 24., 2011 stürzte er als Mitfavorit früh und musste das Rennen verlassen. (DATENCENTER: Die Ergebnisse der Tour)

Rauer Charakter

Doch dass "Wiggo" all das zu relativieren versuchte, zeigt, dass er der einfache, bodenständige Junge aus dem Nordwesten Londons geblieben ist, der eigentlich immer nur Radfahren wollte.

Einer, der sich auch in der "Scheinwelt", im teils "surrealen" Profigeschäft seinen manchmal rauen Charakter bewahrt hat. Ein englisches Original.

"Fucking Wankers", verdammte Wichser, polterte Wiggins jüngst in bester Pub-Diktion gegen seine Kritiker.

Traum geht in Erfüllung

Auch seine Jugendzeit, in der er nicht selten gegen den Strom schwamm, hat die Eigenheiten des Mannes mit den markanten Koteletten geprägt.

"Andere", erzählte Wiggins, seien mit Postern von Gary Lineker an der Wand aufgewachsen und wollten irgendwann einmal den FA-Cup in die Höhe stemmen.

"Bei mir hingen welche von Miguel Indurain. Ich war immer Fan des Radsports und wollte die Tour gewinnen. Es ist sehr speziell, wie Bernard Hinault oder eben Indurain dieses Rennen gewonnen haben. Ich kenne die Geschichte des Radsports, und mir ist bewusst, was dieser Sieg repräsentiert."

Große Euphorie

Bewusst ist ihm auch, welche Euphorie rund um ihn und den ersten Tour-Sieg eines Briten in den vergangenen drei Wochen entstanden ist.

Der Union Jack war an der Tour-Strecke fast häufiger zu sehen als die Tricolore der Grande Nation. (SERVICE: Das Ranking der Favoriten)

"Die Leute geben ihr hart verdientes Geld aus, um mich zu unterstützen. Das verlangt nach Demut. Man fragt sich: 'Warum ich?'", sagte Wiggins, der seinen Landsleuten bei den Spielen einen weiteren Grund zum Jubeln geben könnte:

Im Zeitfahren am 1. August ist er nach seinen bärenstarken Auftritten bei der Frankreich-Rundfahrt der große Gold-Favorit. Abeheben wird Wiggins bei einem Sieg vermutlich aber weiterhin nicht.

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