Wiggins' Masterplan im Doping-Schatten
Paris - Der Masterplan des Bradley Wiggins entstand im Oktober.
101,4 km Zeitfahren, die Bergetappen vergleichsweise einfach - der Kurs, den die Organisatoren der 99. Tour de France im vergangenen Herbst präsentierten, war eine Blaupause für den Sieg des Briten.
Und wie Wiggins diese Wirklichkeit werden ließ, ist wohl am besten mit chirurgischer Präzision zu umschreiben. Doch ebenso klinisch, trocken und kalt fühlt sich der Sieg des 32-Jährigen an.
Denn die umkämpften Duelle am Berg, die einen nicht unwesentlichen Teil des Mythos Tour ausmachen, blieben aus. Spannung im Kampf um das Gelbe Trikot? Fehlanzeige.
Frühere Duelle nicht mehr realistisch
"Es gibt viele Romantiker in diesem Sport", sagte Wiggins und versuchte, der Frankreich-Rundfahrt die zumindest in Rennen um den Gesamtsieg vorhandene Langeweile abzusprechen:
"Auch ich habe die Bilder von früher im Kopf, als einige Fahrer der Konkurrenz am Berg mehrere Minuten abgenommen haben. Hinterher hat man gesehen, warum."
Duelle wie einst seien heute nicht mehr realistisch, es sei denn, man habe gewisse Extras im Blut.
Froome als Schlüssel zum Erfolg
Es sei etwas Besonderes, Tour-Sieger zu sein, da insgesamt nur wenige Personen dies erreicht hätten, sagt Wiggins.
Ob er einen weiteren Erfolg hinzufügen wird? Unwahrscheinlich. Denn den Löwenanteil seines Vorsprungs auf seinen zweitplatzierten Teamkollegen und Landsmann Christopher Froome erarbeitete sich Wiggins bei den Zeitfahren.
Dass er die Berge überstand, ist vor allem Froome zu verdanken, der die Konkurrenz abhängte und mehrmals auf seinen schwächelnden Kapitän wartete.
Wiggins herausragend gegen die Uhr
Doch statt des wohl stärksten und komplettesten Fahrers im Feld wird nun der Name Bradley Wiggins in der Siegerliste stehen. ( DATENCENTER: Die Ergebnisse der Tour)
Und das letztlich auch hochverdient. Die Leistungen im Kampf gegen die Uhr waren herausragend.
Man kann ihm nicht vorwerfen, die günstige Gelegenheit genutzt und das Beste aus seinen Möglichkeiten gemacht zu haben.
Auch schaffte es die Konkurrenz nicht, ihn in den Bergen entscheidend zu gefährden.
Schleck positiv getestet
Neben dem strahlenden Sieger Wiggins bleibt der Tour 2012 jedoch auch der Doping-Schatten anhaften ((DIASHOW: Die Bilder der dritten Woche).
Dabei wirkt die Festnahme des französischen Cofidis-Profi Remy di Gregorio am ersten Ruhetag im Nachhinein fast schon wie eine Lappalie.
Denn was vor dem zweiten Ruhetag in Pau folgte, schlug wie eine Bombe ein:
Der Luxemburger Fränk Schleck (RadioShack-Nissan) war positiv auf das verbotene Diuretikum Xipamid getestet worden, die B-Probe bestätigte das Ergebnis ( Bericht).
Armstrong-Diskussion sorgt für Unruhe
Einer der Stars, der Vorjahresdritte Schleck, ist nun als Dopingsünder gebrandmarkt. Auch wenn er weiter seine Unschuld beteuert, und auch wenn sich diese noch herausstelllen sollte, wird er den Makel wohl nicht mehr los.
Wie auch die Tour de France selbst. Dazu trug in diesem Jahr bei, dass aus den USA immer wieder Ärger um den siebenmaligen Sieger Lance Armstrong über den großen Teich schwappte.
Der texanische Tour-Rekordgewinner ist von der US-Anti-Dopingagentur USADA wegen Dopings angeklagt.
Greipel überzeugt
Die deutschen Profis schlugen sich derweil mit Bravour. Sei es der Rostocker Andre Greipel, der mehrere Etappen gewann und seinem Ruf als einer der weltbesten Sprinter mehr als gerecht wurde.
Oder Altmeister Jens Voigt, der mit 40 Jahren wie ein Jungprofi fuhr, immer angriffslustig, immer bereit, über die Schmerzgrenze hinaus zu gehen. Für diese Eigenschaft verdient auch Tony Martin Hochachtung.
Wie sich der Zeitfahrweltmeister trotz gebrochenen Kahnbeins in der linken Hand durch die erste Tour-Woche quälte, war beeindruckend. ( SERVICE: Das Ranking der Favoriten)
Jubiläum im nächsten Jahr
Im kommenden Jahr steht die 100. Tour de France auf dem Programm. Das Jubliäum. Der Sieg wird noch begehrter und prestigereicher.
Bradley Wiggins wird sich dann wohl für die Dienste seines Edelhelfers Froome revanchieren.
Denn vermutlich stehen nicht nur zahlreiche Berg-Klassiker auf dem Programm, auch Kletter-Spezialisten wie der Luxemburger Andy Schleck oder der Spanier Alberto Contador werden wieder am Start stehen.
Keine Sieg-Blaupause also für den Zeitfahr-Spezialisten Wiggins.