Armstrongs Scherbenhaufen: Das dicke Ende kommt noch
Von Eric Böhm
München - Nach außen gibt sich der abgestürzte "Tourminator" gelassen, in Lance Armstrongs Innerem dürfte es anders aussehen.
Das Lebenswerk des Texaners hat nach der lebenslangen Sperre durch die US-Anti-Doping-Agentur (USADA) irreparablen Schaden genommen ( ARMSTRONG: Alle Tour-Titel wohl futsch).
Mit seinem Verzicht auf ein Schiedsgerichtsverfahren gestand Armstrong indirekt die Schuld ein, die im Radsport-Zirkus ohnehin ein offenes Geheimnis war.
"Es kommt ein Punkt im Leben, da kann man nur noch sagen: 'Genug ist genug'. Ich habe mich seit 1999 mit Betrugsvorwürfen herumschlagen müssen", verteidigte sich der 40-Jährige auf seiner Website.
UCI am Zug
Seine sieben Siege bei der Tour de France sollen ebenso gestrichen werden, wie alle anderen Ergebnisse seit dem 1. August 1998.
Die Beweislast war offenbar selbst für Armstrong zu erdrückend, um sein Doping mit EPO, Testosteron oder Bluttransfusionen weiterhin zu verschleiern und abzustreiten.
Jetzt ist der in der "Causa Armstrong" immer extrem nachsichtige Radsport-Weltverband (UCI) am Zug - nur er kann Armstrongs Erfolge aus den Listen und der Geschichte tilgen.
Nachspiel folgt
"Heute schließe ich diese Seite. Ich werde dieses Thema nicht mehr erwähnen, egal, unter welchen Umständen", schrieb Armstrong.
Ganz so einfach wird er die Affäre aber nicht abstreifen können, schließlich drohen ihm juristische, wirtschaftliche und sportrechtliche Konsequenzen.
Auch was mit den Siegerlisten und alten Gefolgsleuten wie dem langjährigen Teamchef Johan Bruyneel passiert, ist fraglich.
SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen zum Armstrong-Skandal.
• Wie ist der aktuelle Stand?
Durch seine Weigerung, an der Schiedsgerichtsverhandlung teilzunehmen, entging Armstrong dem öffentlichen Eingeständnis, betrogen zu haben.
Damit zwang er die USADA aber zu der lebenslangen Sperre, denn die Anklage aus dem Juni stützt sich auf mehr als zehn Zeugen - vor allem einstige Teamkollegen bei US-Postal.
John Fahey, der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) bezeichnete den gefallenen Rad-Helden bereits als "Dopingbetrüger".
Mehr ist allerdings noch nicht passiert. Bevor die UCI und der ebenfalls umstrittene Präsident Pat McQuaid nicht reagieren, bleiben Armstrong vorerst seine Titel.
• Was passiert mit den Tour-Siegen?
Im Normalfall würde nach einer Aberkennung der Zweitplatzierte aufrücken. Das hieße der ebenfalls im Doping-Sumpf steckende Jan Ullrich wäre plötzlich viermaliger Sieger und nach Miguel Indurain, Bernard Hinault, Eddy Merckx und Jacques Anquetil der fünfterfolgreichste Fahrer aller Zeiten.
Auch Andreas Klöden würde ein Gelbes Trikot für seinen zweiten Platz von 2004 erhalten.
Ullrich würde sich nicht freuen: "Ich werde mich sicherlich nicht mit fremden Federn schmücken", sagte Ullrich dem Nachrichtenmagazin "Focus".
Da auch die anderen Zweiten Alex Zülle (1999), Joseba Beloki (2002) und Ivan Basso (2005) eine Doping-Vergangenheit haben, fordern Experten, keine Sieger für die fraglichen Jahre zu führen.
Aberkennungen sind ohnehin nicht einfach. "Das ist rechtlich sehr kompliziert, weil es kein einheitliches Prozedere dafür gibt", sagt Sportrechtsexperte Michael Lehner.
Ein Sonderfall ist Armstrongs olympische Bronzemedaille aus dem Zeitfahren in Sydney 2000. Hier müsste das Internationale Olympische Komitee (IOC) entscheiden. Der Spanier Abraham Olano würde nachrücken - wie Armstrong war er ein Kunde des Doping-Doktors Michele Ferrari.
• Gibt es ein juristisches Nachspiel?
Eine Anklage oder gar eine Gefängnisstrafe dürften Armstrong nicht drohen.
Das wäre wohl nur möglich gewesen, hätte er in dem USADA-Verfahren seine Doping-Vergangenheit bestritten und damit - nach einer möglichen Verurteilung - einen Meineid abgelegt.
Einen solchen Prozess musste zuletzt der ehemalige Baseball-Star Roger Clemens über sich ergehen lassen. Er wurde von einer Jury jedoch freigesprochen.
• Drohen wirtschaftliche Konsequenzen?
Schadensersatzprozesse wegen Betruges sind dagegen möglich. Ehemalige Sponsoren könnten gezahlte Gelder einklagen. Bisher stehen seine Sponsoren aber noch zu ihm.
"Wir sind betrübt, dass Lance Armstrong nicht mehr an bestimmten Wettbewerben teilnehmen kann und seine Titel ebenfalls betroffen erscheinen. Lance hat aber immer seine Unschuld beteuert. Nike plant weitere Unterstützung für Lance und die Lance-Armstrong-Stiftung", ließ der Sportartikelhersteller in einem Statement wissen.
Weitere Partner wie der Getränke-Hersteller Anheuser Busch oder der Sonnenbrillen-Produzent Oakley wollen bei der Stange bleiben.
Allein die Aberkennung seiner Titel könnte Armstrong etwa 3,5 Millionen Euro an Prämien kosten, die er als überführter Doping-Sünder zurückgeben müsste.
Seine Stiftung zur Unterstützung der Krebsforschung erreicht zumindest in den USA aktuell eine Sympathie-Welle. Am Tag nach Armstrongs Entscheidung gingen nach Angaben von Geschäftsführer Doug Ulman Spenden in Höhe von 78.000 Dollar ein. Die Summe bedeutete fast das 25fache des Ertrages vom Vortag.
• Wie reagieren andere Sportler und Medien?
Abgesehen natürlich von den Zeugen wie Tyler Hamilton oder George Hincapie gibt es auch Sportler, die Armstrong die Treue halten.
"Niemand ist in diesem Sport wirklich sauber, also hat er auch niemanden betrogen", twitterte Ski-Ass Bode Miller ( REAKTIONEN: Miller verteidigt Armstrong).
Pedro Delgado, bei seinem Tour-de-France-Sieg 1988 nachweislich gedopt, meinte: "Wir wissen, dass die Opfer immer die Radfahrer sind. Lance Armstrong ist ein Mensch mit Charakter, der viel für den Radsport getan hat."
Die Presse ist weit weniger zimperlich:
Berner Zeitung (Schweiz): "Das Ende des Lügensystems Armstrong."
L'Equipe (Frankreich): "Armstrong unterschreibt sein Todesurteil."
Daily News (USA): "Tour des Betrugs: Armstrong will nicht länger kämpfen. Jetzt zeigt er sich selbst verwundbar."
Corriere della Sera (Italien): "Armstrong ist fertig."
• Was passiert mit einstigen Gefolgsleuten?
Vor allem für den ehemaligen Teamchef und Vertrauten Bruyneel wird es jetzt ganz eng. Auch er war im Juni von der USADA angeklagt worden und muss wegen möglichen Missbrauchs und Handels von Dopingmitteln mit einer lebenslangen Strafe rechnen.
Der Tour de France 2012 blieb der Boss des RadioShack-Rennstalls - Nachfolger von US-Postal - bereits fern.
Den Medizinern Ferrari, Luis Garcia del Moral und Jose "Pepe" Marti hatte die USADA bereits im Juli wegen Manipulationen sowie Handel und Anweisungen zum Gebrauch von Doping diese Strafe auferlegt.
• Was macht Armstrong jetzt?
Der Texaner zieht sich nicht aus der Öffentlichkeit zurück. Stattdessen startete er im bekannten US-Skiort Aspen bei einem Mountainbike-Rennen. Am Sonntag will er einen Marathon absolvieren. Auch sein Sprachrohr "Twitter" wird wohl weiter ausgiebig nutzen.
Er wolle sich nun mehr denn je seiner Anti-Krebs-Stiftung "Livestrong" und der Familie widmen, erklärte Armstrong.