Armstrong-Affäre: UCI gerät in Erklärungsnot
München - Nach dem tiefen Sturz des siebenmaligen Tour-Siegers Lance Armstrong gerät auch der Radsport-Weltverband UCI zunehmend in Erklärungsnot.
Nicht nur der ehemalige Dopingsünder Tyler Hamilton warf der UCI erneut vor, am skandalösen Doping-System um Armstrong direkt beteiligt gewesen zu sein.
Auch Richard Pound, früherer Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), zweifelt an den Unschuld des Verbandes.
"Es ist nicht glaubwürdig, dass sie von all dem nichts wussten. Ich hatte dies über Jahre bei der UCI reklamiert", sagte Pound der Nachrichtenagentur "AFP".
Kritik am Kontrollsystem
Gleichzeitig kritisierte der 70-Jährige das Kontrollsystem der UCI. In den Stunden vor den Rennen seien keine Kontrollen durchgeführt worden, in dieser Zeit hätten maskierende Substanzen eingenommen werden können.
"Man fragt sich, ob das System nicht bewusst so angelegt wurde, dass es nicht erfolgreich sein konnte", sagte Pound.
Pound erwartet weitere Enthüllungen
Durch die Ermittlungen der US-Antidoping-Agentur USADA, die in ihrem am Mittwoch veröffentlichen Bericht Armstrong sowie zahlreichen Weggfährten wie dessen Ex-Teamchef Johan Bruyneel massive Dopingvergehen vorwarf, erwartet Pound in Zukunft weitere Doping-Enthüllungen.
Gerade in Italien und Spanien sei mit weiteren Enthüllungen zu rechnen.
"Wenn die UCI hartnäckig bei ihrem Standpunkt bleibt, gefährdet sie den gesamten Radsport. Wenn anderen Teams ein ähnliches Verhalten wie US Postal nachgewiesen wird und die UCI damit nie fertig wurde, können sie nicht so blind gewesen sein und von den Vorgängen nichts gewusst haben", sagte Pound, von 1999 bis 2007 WADA-Vorsitzender.
Hamilton erhebt Vorwürfe gegen UCI
Tyler Hamilton hatte dem US-Sender "CNN" von einer weiteren positiven Dopingprobe bei seinem langjährigen Weggefährten Lance Armstrong berichtet, die von der UCI kaschiert worden sei ( BERICHT: Hamilton attackiert UCI).
"Im Jahr 1999 gab es einen positiven Test auf Kortison. Dieser wurde mit einem zurückdatierten Rezept verheimlicht. Die UCI wusste davon. Sie haben das akzeptiert", sagte Hamilton, der früher bereits erklärt hatte, die UCI habe von einem positiven Test bei Armstrong im Rahmen der Tour de Suisse 2001 gewusst.
Mitgefühl für Armstrong
Hamilton hat offenbar auch ein wenig Mitgefühl für seinen ehemaligen Teamkollegen Armstrong, dessen Lebenswerk derzeit Stück für Stück auseinanderfällt.
"Ich verstehe, dass es hart für ihn ist. Ich habe selbst eine lange Zeit gelogen. Irgendwann fängst du an, deine Lügen zu glauben. Er hat sich in eine Ecke manövriert. Ich fühle mit ihm", sagte Hamilton, der mit seinen Aussagen maßgeblichen Anteil am Sturz von Armstrong hat.
In seinem Buch "The Secret Race" gab Hamilton, der selbst wegen Dopings verurteilt wurde und seinen Olympiasieg von 2004 im Zeitfahren verlor, Einblicke in systematische Dopingpraktiken.
USADA sperrt Armstrong lebenslänglich
Die US-Anti-Doping-Agentur USADA hatte Armstrong lebenslang gesperrt, zudem erkennt die USADA seine sieben Tour-Siege nicht mehr an. ( BERICHT: Was wusste die UCI?)
Der Radsport-Weltverband UCI hat bis Ende Oktober Zeit, über die offizielle Aberkennung von Armstrongs sportlichen Ergebnissen seit dem 1. August 1998 zu entscheiden.