Tour-Sieger oder nicht? Armstrongs schwerste Etappe
München/Genf - Es geht um sieben Tour-de-France-Titel, die wirtschaftliche Zukunft von Lance Armstrong und die Glaubwürdigkeit einer ganzen Sportart:
Wenn am Montag Pat McQuaid, der Präsident des Rad-Weltverbandes UCI, im Genfer Starling Hotel vor die Öffentlichkeit tritt, fällt die Entscheidung im größten Doping-Skandal der jüngeren Sportgeschichte.
Die US-Antidoping-Agentur USADA hatte in ihrem entlarvenden Bericht Armstrong als zentrale Person eines erschreckenden Dopingnetzwerkes überführt, das im Radsport in dessen Karriere um sich griff.
"Verdächtige" Proben 2001
Ein Schuldspruch der UCI gilt angesichts der Fülle an Beweisen als wahrscheinlich, auch wenn zumindest der Vorwurf einer positiven Probe bei der Schweiz-Rundfahrt im Jahr 2001 am Sonntag abgeschwächt wurde.
"Es gab keinen positiven Befund bei der Tour de Suisse", sagte Martial Saugy, Direktor des von der Welt-Antidoping-Agentur WADA akkreditierten Labors in Lausanne, das die Tests durchführte.
Drei Proben seien lediglich mit dem Hinweis "verdächtig" versehen worden. Für die USADA bestehe daher keine Möglichkeit, dies als positives Ergebnis dazustellen und zu verteidigen.
Zahlung an die UCI
Die im USADA-Bericht ebenfalls in ein zweifelhaftes Licht gerückte UCI könnte sich genau an diesem Punkt stören.
Denn Tyler Hamliton und Floyd Landis, zwei Kronzeugen und frühere Teamkollgen Armstrongs, hatten ausgesagt, Armstrong sei bei der Tour de Suisse positiv getestet worden und habe dies durch eine Zahlung an die UCI vertuscht.
McQuaid hatte eine Armstrong-Überweisung aus dem Jahr 2002 in Höhe von 100.000 Dollar eingeräumt, allerdings sei dies eine Spende und kein Schweigegeld gewesen.
Keine neuen Sieger bei der Tour
Die UCI hatte angekündigt, der Entscheidung der USADA folgen zu wollen, wenn deren Bericht "keine eklatanten Mängel" aufweise ( BERICHT: UCI gerät in Erklärungsnot).
Andernfalls wird der Fall vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS gebracht.
Die Tour-Organisatoren der ASO hatten bekannt gegeben, im Falle einer Absetzung Armstrongs dessen Siege bei der Frankreich-Rundfahrt (1999 bis 2005) nicht neu zu vergeben.
Keine Schadensersatzklagen?
Für Armstrong wäre ein Freispruch ein Triumph, der alle seine Tour-Siege in den Schatten stellen würde.
Nachdem sich zahlreiche seiner Sponsoren wie der Sportartikelhersteller Nike bereits von Armstrong getrennt haben, dürften im Falle eines Freispruchs andere Geldgeber dem dann zumindest etwas rehabilitierten Texaner die Treue halten.
Auch Schadenersatzklagen in Millionenhöhe und ein Meineid-Prozess würden dem 41-Jährigen wohl erspart bleiben.
Konsequenzen dramatisch
Für die UCI und den Radsport im Allgemeinen wäre dies jedoch der Super-GAU.
Die Ernsthaftigkeit des vom Verband ausgerufenen Kampfes gegen Doping würde ins Lächerliche gezogen werden, nach Rabobank würden womöglich weitere Großinvestoren dem Sport den Rücken kehren ( BERICHT: Radsport-Welt fürchtet Armstrongs Sog).
"Schwere Wochen" für Armstrong
Armstrong selbst gab sich im Vorfeld der Entscheidung über sein sportliches Vermächtnis betont gelassen.
"Es ging mir schon besser, aber auch schon schlechter", sagte der Amerikaner am Freitag in Austin.
Jörg Paffrath
Der Kölner Halbprofi wurde bei den deutschen Meisterschaften 1996 positiv getestet und für sechs Monate gesperrt. Er gestand 1997, über 20 Dopingmittel in seiner Karriere eingenommen zu haben, und prangerte gleichzeitig systematisches Doping im Radsport an. Er wurde vom BDR lebenslang gesperrt und am 13. Mai 2003 nach einer Entschuldigung begnadigt.
Der Anlass war eine Gala zum 15. Geburtstag der von ihm 1997 gegründeten Krebsstiftung Livestrong.
"Es waren schwere Wochen für mich und meine Familie, meine Freunde und diese Stiftung", sagte Armstrong, der am Mittwoch seinen Rücktritt als Chairman von Livestrong verkündet hatte.
"Für seine Arroganz büßen"
Trotz der Anschuldigungen gegen Armstrong hat Livestrong bei den Spendeneinnahmen zuletzt kaum Einbußen hinnehmen müssen.
Dennoch bröckelt der Rückhalt für den einstigen Volkshelden. Selbst Armstrongs Haus-und-Hof-Blatt attackierte den Texaner in einer Kolumne scharf.
"Er kann die Fehler, die er begangen hat, nicht wieder ausbügeln. Auch kann er seine scharfen und giftigen Worte gegen jene, die den Mut hatten, gegen ihn auszusagen, nicht zurücknehmen. Aber er kann für seine Arroganz büßen und sagen, dass es ihm leid tut", schrieb der in Armstrongs Heimatstadt Austin erscheinende "American Statesman".