Armstrongs tiefer Fall ins Ungewisse
München - Es ist vorbei für das Radsportdenkmal Lance Armstrong. Mit der Streichung sämtlicher Ergebnisse durch den Weltverband UCI ist der Amerikaner aus der Geschichte des Radsports ausradiert worden.
Wo vorher noch der Name Armstrong prangte, steht jetzt ein X oder annulliert. ( BERICHT: Armstrong am Ende - Alle Tour-Siege weg)
Während die UCI das Kapitel Armstrong schnellstmöglich komplett beerdigen will, ist die Angelegenheit für den 41-Jährigen allerdings noch lange nicht vorbei. Ihm drohen Regress-Prozesse samt Rückzahlungen in zweistelliger Millionenhöhe. Armstrong selbst schweigt bislang.
Doch wie geht es jetzt weiter in der Causa Armstrong?SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen.
Wer bekommt nun die Tour-de-France-Titel zugesprochen? Rutschen Jan Ullrich und Andreas Klöden als Sieger nach?
Im Normalfall würde nach einer Aberkennung der Zweitplatzierte aufrücken.
So war es 2010, als Alberto Contador gewann, 2012 aber den Titel wegen der Einnahme von Clenbuterol an den Zweitplatzierten Andy Schleck abgeben musste.
Das hieße der ebenfalls im Doping-Sumpf steckende Jan Ullrich wäre plötzlich viermaliger Sieger und nach Miguel Indurain, Bernard Hinault, Eddy Merckx und Jacques Anquetil der fünfterfolgreichste Fahrer aller Zeiten.
Auch Andreas Klöden würde ein Gelbes Trikot für seinen zweiten Platz von 2004 erhalten. ( BERICHT: "Armstrong muss vergessen werden")
Ullrich würde sich allerdings nicht freuen: "Ich werde mich sicherlich nicht mit fremden Federn schmücken", sagte er vor einiger Zeit dem "Focus".
Da auch die anderen Zweiten Alex Zülle (1999), Joseba Beloki (2002) und Ivan Basso (2005) eine Doping-Vergangenheit haben, fordern Experten, keine Sieger für die fraglichen Jahre zu führen.
Diesen Weg wird höchstwahrscheinlich auch die UCI einschlagen, um einen Haken an die Geschichte zu machen. Am Freitag fällt der Weltverband diese Entscheidung.
Muss Lance Armstrong ins Gefängnis?
Eine Gefängnisstrafe dürfte Armstrong nach bisherigem Kenntnisstand nicht drohen.
Das wäre wohl nur möglich gewesen, hätte er in dem USADA-Verfahren seine Doping-Vergangenheit bestritten und einen Meineid abgelegt.
Einen ähnlichen Prozess musste zuletzt der ehemalige Baseball-Star Roger Clemens über sich ergehen lassen. Er wurde von einer Jury jedoch freigesprochen.
Anders erging es der amerikanischen Sprinterin Marion Jones. Ihr wurden Falschaussagen zu ihrer Doping-Vergangenheit zum Verhängnis. Im November 2003 wurde sie im Zuge des Balco-Skandals befragt und stritt jeglichen Missbrauch vehement ab.
Ein amerikanisches Gericht verurteilte die zweifache Mutter 2008 zu sechs Monaten Gefängnis und 400 Stunden gemeinnütziger Arbeit.
Hierzu müsste Armstrong aber nachgewiesen werden, dass er beispielsweise 2006, als er unter Eid aussagte zu Doping-Arzt Michele Ferrari keine Beziehungen zu haben, log.
Was erwartet Armstrong jetzt finanziell? Muss er Preisgeld und von Sponsoren erhaltenes Geld zurückzahlen?
Klagen werden kommen. Das haben Sponsoren und Versicherungen bereits angekündigt. Die Versicherungsgesellschaft SCA Promotions plant eine Zahlungsaufforderung in Höhe von 5,76 Millionen Euro. "Er ist nicht länger der offizielle Gewinner, also wäre es unangemessen die Gelder zu behalten", sagte SCA-Anwalt Jeffrey Tillotson.
Das Unternehmen aus Dallas hatte Armstrong nach einem gerichtlichen Vergleich 2006 mehrere Millionen für seine Tour-Siege überweisen müssen.
Der Texaner hatte SCA verklagt, nachdem die Firma die Gelder wegen Dopinggerüchten behalten hatte. Tailwind Sports, Inhaber von Armstrongs Team US Postal, hatte bei SCA eine Versicherung über diesen Bonus abgeschlossen.
Außerdem muss Armstrong wohl auch das nach gewonnenen Verleumdungsklagen, in denen behauptet wurde, er dope, erhaltene Geld zurückzahlen.
Auch seine Prämien für die Tour-de-France wird er wohl los. "Das Reglement der UCI in diesem Fall ist sehr eindeutig - wer einen Sieg aberkannt bekommt, muss auch die Prämie zurückgeben", sagte Tour-Chef Christian Prudhomme. Das wären noch einmal knapp drei Millionen Euro. ( BERICHT: Armstrongs Reise)
So manche Forderungen wird Armstrong noch aus seinem auf über 100 Millionen Dollar (76,75 Millionen Euro) geschätzten Vermögen erfüllen können, jedoch dürften seine Millionen weniger werden.
Kassierte Armstrong durch Sponsoren zuletzt jährlich noch geschätzt fast 13,5 Millionen Euro, versiegen seine Quellen nach den Kündigungen der wichtigsten Werbepartner (Nike, Trek, Oakley, Anheuser-Busch) zusehends.
Was sagt Armstrong zu dem Urteil und seiner Zukunft?
Gesagt hat Armstrong bisher nichts. Aber zumindest in der Beschreibung seines Twitterprofils scheint der Amerikaner auf die Aberkennung seiner sieben Tour-de-France-Titel reagiert zu haben.
Stunden nach der Entscheidung des Radsport-Weltverbandes UCI, dem gefallenen Radsportidol wegen jahrelangem systematischen Dopings sämtliche Ergebnisse seit dem 1. Januar 1998 zu streichen, verschwand die Formulierung "7-time Tour de France winner" (siebenmaliger Tour-de-France-Sieger) aus Armstrongs Profil bei dem Kurznachrichtendienst.
Nun lautet die Aussage: "Ziehe meine 5 Kinder auf. Bekämpfe den Krebs. Schwimme, fahre Rad, laufe und golfe, wann immer ich kann."