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Jörg Jaksche gewann 2004 Paris-Nizza und die Mittelmeer-Rundfahrt © imago

Ex-Radprofi Jörg Jaksche spricht im SPORT1-Interview der Woche über den Fall Lance Armstrongs und die Zukunft des Radsports.

Von Jakob Gajdzik

München - Kronzeuge sein ist keine Rolle, mit der man sich im Radsport beliebt macht.

"Sie sind von Helden so weit entfernt wie Tag und Nacht. Sie sind keine Helden, sie sind Drecksäcke": So beleidigte jüngst Weltverbands-Präsident Pat McQuaid über Tyler Hamilton und Floyd Landis, die Männer, die im Nachhinein das Dopingsystem des Lance Armstrong offenlegten.

Und sagte damit mehr über sich und seinen Sport aus als über die Adressaten.

Was Hamilton und Landis heute sind, war Jörg Jaksche vor einigen Jahren.

Persona non grata

Im Skandal rund um die Tour de France 2007 legte er als Kronzeuge Dopingstrukturen offen und gab zu, selbst seit 1997 gedopt zu haben.

Als Teil eines verbreiteten Systems habe der heute 36-Jährige mit der Einnahme von EPO begonnen und sich später bei Dopingarzt Eufemiano Fuentes Eigenbluttherapien unterzogen.

Der Vorteil seines umfassendes Geständnis war die nur einjährige Sperre. Der Nachteil allerdings, dass er fortan als Nestbeschmutzer galt und ihn kein Team mehr haben wollte: Am 25. April 2008 verkündete er seinen endgültigen Rücktritt.

Im SPORT1-Interview der Woche spricht Jörg Jaksche über den Fall Lance Armstrongs, die Nicht-Vergabe der Tour-Titel, die Zukunft des Radsports und er erklärt, unter welchen Umständen er UCI-Präsident McQuaid noch für tragbar hält.

SPORT1: Herr Jaksche, der Staub nach dem Armstrong-Urteil legt sich langsam: Wie haben Sie den Fall des siebenmaligen Tour-Siegers erlebt?

Jörg Jaksche: Ich sehe das alles realistisch, das war schon lange vorher klar gewesen. Wenn alle anderen um ihn herum gedopt haben, warum hätte er es nicht machen sollen? Ich hätte aber nicht gedacht, dass die USADA in diesem Fall so aufs Tempo drückt, sondern dass Armstrong die ganze Sache durch seine politische Einflussnahme abwürgt. Aber Chefermittler Travis Tygart hat sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen und das durchgezogen. Es war gut, dass er auch der UCI nichts gesagt hat. Das war die richtige Herangehensweise.

SPORT1: Kam das Urteil zu spät?

Jaksche: Das spielt eigentlich keine Rolle. Weswegen sollten jene, die zu dieser Zeit gefahren sind, glücklich sein, dass Lance Armstrong bestraft wurde? Auf Grund des Drucks haben mehr oder weniger alle Fahrer dieser Generation, die noch etwas mit dem Radsport zu tun haben, ihr Fehlverhalten zugegeben. Die einzige Gerechtigkeit die jetzt verübt wird ist, dass die unglaubliche Macht, die Armstrong hatte und ausübte, jetzt weg ist und Grenzen aufgezeigt wurden.

SPORT1: Sollte Armstrong jetzt endlich auspacken?

Jaksche: Er ist nicht der Typ dafür. Er lebt gut in seiner eigenen Welt. Ich weiß nur nicht, wie er es dann mit seinen Kindern macht, wenn sie ihn irgendwann einmal darauf ansprechen. Aber richtig glücklich wird er wohl trotzdem nicht sein.

SPORT1: Contador, Indurain, Sanchez, Valverde stellen sich auf Armstrongs Seite - was sagen Sie dazu?

Jaksche: Das ist reiner Selbstschutz. Daran kann man erkennen, dass diese Leute in der Vergangenheit selber bereits ein Doping-Problem hatten. Die Intelligenz spreche ich ihnen eigentlich nicht ab. Diese Fahrer haben sich aber ein Weltbild aufgebaut, in dem es heißt: Solange ich nicht positiv getestet bin, bin ich clean. Diese Einstellung ist krank. Das sind die Auswüchse der Radsport-Welt (BERICHT: Peinliche Pro-Armstrong-Armada).

SPORT1: Hätten Sie Jan Ullrich die drei Titel gegönnt?

Jaksche: Ich gönne auch Lance Armstrong die Titel. Er ist damals unter den gleichen Voraussetzungen wie Jan Ullrich, ich und der Großteil der Leute gefahren. Der Betrug der vorlag, war gegenüber den Leuten, die gar nichts genommen haben. Dass ihm die Titel aberkannt wurden freut mich keinesfalls. Es ist einfach die rechtliche Konsequenz.

SPORT1: Armstrongs Titel werden nicht umverteilt - die richtige Entscheidung?

Jaksche: Ich sehe das nicht so. Es ist nicht die Entscheidung der UCI, diese Plätze neu zu vergeben. Eigentlich hätten die nachrückenden Fahrer, die keine Doping-Vergehen hatten auch mitbestimmen dürfen, ob sie den Platz wollen oder nicht. Aber von vornherein von der UCI zu sagen, die Plätze werden nicht vergeben, ist für mich Bevormundung und nicht die intelligenteste Lösung. Wenn die UCI Armstrong die Titel wegnimmt, müsste sie sie irgendwem anders geben. Ob sich dieser aber darüber freuen kann, ist eine andere Sache.

SPORT1: Andererseits zeigt sich damit ja auch das klare Misstrauen gegenüber den Zweitplatzierten: Kann auf dieser Basis ein Neustart im Radsport gemacht werden?

Jaksche: Mit den aktuellen Leuten im Radsport ist das nicht möglich. Es sind weiter die gleichen Leute, weiter die gleichen Verteidigungsstrategien. Am Ende wird alles wieder auf die Fahrer geschoben. Die Abläufe bei allen Doping-Skandalen sind weiterhin stets die gleichen. Man sollte die Leute hart bestrafen, die für die Organisation der Doping-Mittel verantwortlich sind, damit diese von den Konsequenzen abgeschreckt werden.

Alleine das würde den Markt für Dopingmittel abschaffen oder zumindest stark begrenzen. Solange aber die Teamärzte den Eid des Hippokrates brechen und dabei noch nicht mal eine Geldstrafe bekommen, ist es für sie überhaupt nicht abschreckend.

SPORT1: Wie sehen Sie die Position von UCI-Präsident Pat McQuaid? Muss er nicht auch seinen Hut nehmen, um den Neustart zu ermöglichen?

Jaksche: Da bin ich zwiegespalten. Er hat sich in der Situation so schlecht verhalten, dass er eigentlich seinen Posten räumen müsste. Auf der anderen Seite hat er aber ein Schlachtfeld von seinen Vorgängern übernommen, so dass er fast gar nicht anders hätte reagieren können. Er müsste sich von der Vergangenheit und seinem Vorgänger Hein Verbruggen lossagen, dann könnte man mit ihm weitermachen.

SPORT1: Sie galten damals als "Nestbeschmutzer" und bekamen keine adäquaten Angebote für einen Neuanfang. Können Sie sich vorstellen, wieder bei einem Profi-Team eine Anstellung anzunehmen, zum Beispiel als Betreuer?

Jaksche: Das hat keinen Sinn. Man ist wieder genau mit den gleichen Idioten zusammen. Die ganzen Leute, die drumherum das Sagen haben, sind noch dieselben wie früher. Mit diesen Leuten kommt man nicht vorwärts.

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