vergrößern verkleinern
Hans-Michael Holczer (r.) mit Stefan Schumacher (l.) bei der Straßen-WM 2007 © imago

Nach Schumachers Doping-Geständnis wehrt sich der Ex-Gerolsteiner-Teamchef bei SPORT1 gegen die Vorwürfe der Mitwisserschaft.

Von Eric Böhm

München - Der ehemalige Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer hat auf Stefan Schumachers Vorwürfe der Mitwisserschaft um dessen Dopingvergehen reagiert und diese bei SPORT1 zurückgewiesen.

"Wenn er mit dem Interview meint, ich hätte von seinen Dopingpraktiken gewusst, sie toleriert, geduldet oder weggeschaut, dann ist das völlig aus der Luft gegriffen", sagte Holczer im Gespräch mit SPORT1 und stellte vehement klar: "Eine Mitwisserschaft meinerseits ist völlig aus der Luft gegriffen."

Schumacher hatte in einem Interview mit dem "Spiegel" Doping zu seiner Zeit bei Gerolsteiner eingeräumt und Holczer beschuldigt, "bestens im Bilde" gewesen zu sein.

"Nichts, womit man ihn angreifen könnte"

Vom Geständnis Schumachers, der 2008 der Einnahme von EPO überführt und anschließend bis September 2010 gesperrt worden war, zeigte sich Holczer bei SPORT1 nicht überrascht.

"Er war ja bei zwei positiven Tests bereits überführt. Er sagt nichts, womit man ihn angreifen könnte. Die Aussagen sind für weitergehende juristische Verfolgungen sehr vage."

Anklage wegen Betrugs

Schumacher und Holczer treffen sich ab dem 10. April vor dem Landgericht Stuttgart wieder. Schumacher ist wegen Betrugs angeklagt, die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Holczer durch die Einnahme der Dopingmittel hintergangen zu haben.

Es geht um 150.000 Euro, Schumachers Gehalt in den betreffenden Monaten.

"Fakt ist: Es ist ein Strafprozess in Gang gekommen. Es wurde eine ganze Reihe von Zeugen durch die Staatsanwaltschaft Stuttgart vernommen. Unter anderem wurde auch ich im Oktober 2010 neun Stunden lang beim Landeskriminalamt zu einigen Fällen - unter anderem auch Schumachers - befragt. Danach hat sich diese Anklage wegen Betruges ergeben", sagte Holczer bei SPORT1.

Präzedenzfall für Dopingsünder

Dass Schumacher aufgrund des Prozesses mit seinem Geständnis an die Öffentlichkeit gegangen war, wollte Holczer nicht kommentieren.

"Die Bewertung überlasse ich jedem selbst", sagte er bei SPORT1. "Es ist nicht mein Job, Zusammenhänge herzustellen. Da sollte sich jeder selbst seinen Reim machen. Das Landgericht wird den Sachverhalt klären müssen."

Das Verfahren ist ein Präzedenzfall, erstmals steht ein Dopingsünder wegen Betrugsverdacht vor Gericht.

DOSB und BDR äußern sich

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper und BDR-Präsident Rudolf Scharping gaben eine Stellungnahme ab: "Das Geständnis von Stefan Schumacher kommt spät; er hätte vor allem sich selbst, aber auch dem Sport manches ersparen können, wenn er früher die Wahrheit gesagt hätte, spätestens nach seiner Überführung im Rahmen der Nachkontrollen von Peking.

Aber das Geständnis kommt früh genug, um daraus für den Anti-Doping-Kampf Konsequenzen zu ziehen. Darum begrüßen wir ausdrücklich, dass Schumacher zur Aufarbeitung der Vergangenheit beitragen will. Wir setzen darauf, dass durch seine Aussagen die Hintermänner überführt und bestraft werden können.

Wir fordern auch die anderen Beteiligten auf, der NADA und der Justiz alles zu offenbaren, was sie wissen. Schumacher wurde durch Kontrolle und Sanktion im Sport überführt; das hat auch das Verfahren wegen möglichen Betruges ausgelöst. Dies belegt die Möglichkeiten des Zusammenwirkens zwischen Sport und Staat sowie Justiz. Die Aussagen von Schumacher werden im Übrigen genau geprüft werden", so die Erklärung im Wortlaut.

Einnahme von EPO

Der überführte Schumacher hatte erstmals zugegeben, während seiner Radsport-Karriere mit unerlaubten Mitteln gefahren zu sein.

"Ich habe EPO genommen, auch Wachstumshormone und Kortikosteroide", sagte der 31-Jährige.

Schon mit Anfang 20 habe er gedopt: "Ich habe mich in ein System eingefügt. Das macht mich nicht stolz, aber es war eben so."

Schumacher belastet Ärzte

Laut Schumacher hätten bei Gerolsteiner die Mannschaftsärzte ebenfalls aktiv an den Dopingpraktiken mitgewirkt: "Die meisten Sachen konnte sich jeder aus der Medikamentenbox nehmen. Das war völlig verrückt."

Schumacher war von 2006 bis 2008 für das Team Gerolsteiner gefahren, hatte zwei Etappen bei der Tour de France gewonnen und das Gelbe Trikot getragen.

In nachträglichen Analysen von Proben der Tour 2008 und der Olympischen Spiele 2008 war Schumacher des Dopings mit dem EPO-Präperat Cera überführt worden. Gerolsteiner hatte ihm daraufhin im Oktober 2008 gekündigt.

Inzwischen fährt der Württemberger für das kleine dänische Team Christina Watches.

x
Bitte bewerten Sie diesen Artikel