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Stefan Schumacher fuhr von 2006 bis 2008 beim deutschen Team Gerolsteiner © getty

Die Verhandlung des Dopingsünders wird zum Präzedenzfall mit Zündstoff. Das Urteil könnte weitreichende Folgen haben.

Stuttgart - Auf dem Papier wird um 150.000 Euro gestritten, doch im Betrugsverfahren gegen Stefan Schumacher geht es um wesentlich mehr als das Begleichen alter Rechnungen.

Wenn sich der geständige Dopingsünder Schumacher ab Mittwoch vor der 16. Großen Strafkammer des Landgerichts Stuttgart verantworten muss, wird auch sein ehemaliger Teamchef Hans-Michael Holczer durch weitere pikanten Aussagen über verbotene Praktiken beim damaligen Team Gerolsteiner unter Druck geraten.

Doch mehr noch: In dem Präzedenzfall steht erstmals ein Dopingsünder wegen Betrugsverdachts vor Gericht.

Aus sportpolitischer Sicht geht es um eine Antwort in einer Systemfrage. Auch die Nationale Anti Doping Agentur in Bonn schaut deshalb ganz genau hin.

Am Scheideweg?

"Die Verhandlung ist deshalb für die NADA sehr interessant, weil es sicherlich weitere Erkenntnisse geben wird über das, was rechtlich möglich ist und was gegebenenfalls rechtlich geschärft werden muss", sagte NADA-Vorstand Lars Mortsiefer.

Ein Freispruch für Schumacher wäre Wasser auf die Mühlen der Befürworter eines Anti-Doping-Gesetzes, eine Verurteilung auf die der Gegner.

"Neue Qualität im Anti-Doping-Kampf"

"Das Arzneimittelgesetz stellt den Eigenkonsum und den Besitz geringer Mengen an Dopingmitteln nicht unter Strafe", erklärte Sportrechtler Marius Breucker in den "Stuttgarter Nachrichten".

"Bejaht man eine Betrugsstrafbarkeit des dopenden Sportlers, könnten die staatlichen Ermittlungsbehörden künftig bei Dopingverdacht auch gegen den Athleten ermitteln", führt Breucker weiter aus.

Und ergänzt: "Das wäre eine neue Qualität im Anti-Doping-Kampf."

Schumacher-Anwalt verweist auf Hintermänner

Schumachers Anwalt Michael Lehner sieht im von ihm angestrebten Freispruch einen Anreiz für eine umfassende Anti-Doping-Gesetzgebung.

"Die Frage ist, reicht das normale Sportrecht aus, um Doping mit all seinen Mehrschattierungen mit Ärzten, Funktionären und Betreuern abzudecken", sagte der erfahrene Heidelberger Sportrechtsexperte.

Drei Dopingfälle bei Gerolsteiner

Von der Sportgerichtsbarkeit war Schumacher bereits für zwei Jahre gesperrt worden.

In nachträglichen Analysen von Proben der Tour und der Olympischen Spiele 2008 war er positiv auf das Dopingmittel Cera getestet worden.

Sein damaliges Team Gerolsteiner kündigte ihm daraufhin im Oktober 2008. Davide Rebellin und Bernhard Kohl sorgten für weitere positive Fälle.

Schumacher streitet Cera-Doping mehrfach ab

Zuvor, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, soll Schumacher während der Tour de France am 17. Juli 2008 mehrfach wahrheitswidrig versichert haben, ausschließen zu können, jemals mit Cera in Kontakt gekommen zu sein, obwohl ihm seine vorherige Verwendung dieses Mittels bekannt gewesen sei.

Dadurch soll er Holczer hintergangen haben.

Es geht um 150.000 Euro, Schumachers Gehalt in den betreffenden Monaten.

Ullrich-Anzeige fallengelassen

Eine Anklage wegen Betrugs gegen Dopingsünder hat es schon häufiger gegeben, zu einer Gerichtsverhandlung ist es aber wegen der schwierigen Nachweisführung in solchen Fällen noch nie gekommen.

Die Betrugsanzeige gegen Jan Ullrich ließ die Staatsanwaltschaft Bonn im Jahr 2008 gegen die Zahlung eines sechsstelligen Betrages fallen.

Anwalt setzt auf Geständnis-Vorteil

Lehner sieht die Position seines Mandanten vor allem durch desssen Doping-Geständnis Ende März gestärkt.

"Wir sind völlig frei. Er hat die ganze Belastung des Lügen- und Verteidigenmüssens nicht mehr. Er kann im Grunde nichts mehr verlieren", sagte Lehner.

"Heiligenscheinteam Gerolsteiner"

Die Taktik zielt darauf ab, Holczer als Mitwisser der Vergehen im vermeintlichen "Heiligenscheinteam Gerolsteiner" (Lehner) darzustellen.

Mitwisser können nicht betrogen werden.

Zu Wort kommen sollen auch der des Dopings überführte österreichische Ex-Profi Kohl sowie der umstrittene einstige Teamarzt Mark Schmidt.

Schumacher belastet Holczer schwer

In seinem Geständnis und weiteren Statements hatte Schumacher seinen einstigen Chef Holczer schwer belastet.

"Er hat Russisch Roulette gespielt. Antidopingkampf war sein Marketingkonzept nach außen. Dabei hat er gewusst, was im Team läuft", sagte Schumacher der "Stuttgarter Zeitung".

"Apotheke mit Selbstbedienung"

Im Bus des Teams Gerolsteiner sei es zugegangen "wie in einer Apotheke mit Selbstbedienung".

Holczer habe sich nicht die Finger schmutzig gemacht.

"Aber er hat es toleriert und die Voraussetzungen geschaffen, indem er entsprechende Ärzte einstellte", sagte Schumacher, der von 2006 bis 2008 für Holczers Rennstall fuhr.

Holczer weist Vorwürfe zurück

Holczer hatte Schumachers Vorwürfe der Mitwisserschaft um dessen Dopingvergehen unlängst zurückgewiesen.

"Wenn er mit dem Interview meint, ich hätte von seinen Dopingpraktiken gewusst, sie toleriert, geduldet oder weggeschaut, dann ist das völlig aus der Luft gegriffen", sagte Holczer im Gespräch mit SPORT1 und stellte vehement klar: "Eine Mitwisserschaft meinerseits ist völlig aus der Luft gegriffen."

Es werde Aufgabe des Landgerichts sein, "diesen Sachverhalt zu klären".

Acht Prozesstage bis zum 4. Juni sind angesetzt. Holczer soll am 18. April aussagen.

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