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Stefan Schumacher (l.) fuhr zwischen 2006 - 2008 für das Team Gerolsteiner © imago

Der Dopingsünder beschuldigt den ehemaligen Gerolsteiner-Teamchef im Betrugsprozess der Mitwisserschaft. Fakten gibt es kaum.

Stuttgart - Herzinfarkt-Medikamente wie Smarties, fragwürdige Apparaturen im Ärtzteschrank des Teambusses und Dopingmittel auf Bestellung:

Die Enthüllungen von Radprofi Stefan Schumacher haben dessen einstigen Gerolsteiner-Boss Hans-Michael Holczer schwer belastet.

Am Donnerstag wird sich der 59-Jährige erstmals vor Gericht zu den Beschuldigungen äußern - und als Zeuge die Vorwürfe wohl relativieren wollen.

Die Staatsanwaltschaft wirft Schumacher vor, Holczer hintergangen und sich mit seinen Verfehlungen laut Anklageschrift einen "rechtswidrigen Vermögensvorteil" erschlichen zu haben. Es geht um 150.000 Euro. Ein Vorwurf, den Schumachers Anwälte in insgesamt acht Verhandlungstagen vor dem Landgericht Stuttgart entkräften wollen.

Holczer vermeintlicher Mitwisser

Als vermeintlicher Mitwisser könne Holczer, der ab 9.15 Uhr im Stuttgarter Justizviertel aussagen wird, nicht betrogen worden sein.

"Er war im Bilde, was im Team vor sich geht", sagte Schumacher: "Als Teamchef trug er eine Verantwortung. Er stellte die Leute ein, nicht nur die Rennfahrer sondern auch die Ärzte. Ich habe ihn definitiv nicht betrogen."

Der 31-Jährige hatte am vergangenen Mittwoch von den angeblich erschreckenden Zuständen im Gerolsteiner ProTour-Team berichtet ("Wer wollte, konnte sich Informationen und gewisse Produkte und Präparate beschaffen) und wollte während seiner gut achtstündigen Vernehmung keinen Zweifel aufkommen lassen:

Kaum wasserdichte Beweise

Holczer, der sich in der Vergangenheit stets als Anti-Doping-Kämpfer darstellte, hatte alles stillschweigend abgesegnet.

In dem Betrugsprozess, den Schumachers Anwälte nicht als Doping-Präzedenzfall verstanden wissen wollen, gibt es kaum wasserdichte Beweise. "Es gab im Radsport ein Kartell des Schweigens", sagte Schumachers Anwalt Dieter Rössner.

Vier-Augen-Gespräche und stille Zustimmung sind juristisch nicht nachzuweisen - beide Protagonisten werden versuchen, die Glaubwürdigkeit des Gegenspielers zu zerstören.

Neue Erkentnisse im "System Holczer"

Schumachers Verteidigung baut dabei auch auf neue Erkenntnisse zu dem vermeintlichen "System Holczer", in welchem das medizinisch Machbare ohnehin bis an die äußersten Grenzen des Erlaubten ausgereizt worden sei.

Jemand, der im Teamfahrzeug stets das für Herzinfarktpatienten verschreibungspflichtige Mittel Nitrolingual in Massen duldete und eine Zentrifuge zur Messung des Hämatokrit-Wertes zur Standardausrüstung erklärte, der müsse einfach auch von den gängigen Dopingpraktiken wissen.

"2008 wurde mit Cera empfohlen"

"2008 wurde mir Cera (Epo-Modifikation, d. Red.) von einem Teamarzt empfohlen", sagte Schumacher: "Ich habe aktiv danach gefragt, der Mann wollte mir helfen, weil er es auch nicht besser wusste. Es war ein beim Team Gerolsteiner angestellter Arzt, der länger im Team war als ich."

Dieser haben Schumacher auch zunächst mit dem Mittel, welches den Sauerstoff-Transport im Blut erhöht, versorgt worden. "Danach über Bernhard Kohl", sagte er über seinen ehemaligen Teamkollegen: "Die Grundregel, wenn man zum Doping kommt: Man spricht unter vier Augen."

Fahrerblut "reingewaschen"

Zudem sei mit Natriumchlorid, das intravaskulär in unzulässigen Mengen und Zeiten verabreicht worden sei, das Blut der Fahrer "reingewaschen" worden, um bei Dopingproben nicht aufzufallen - und Holczer habe davon gewusst.

Den Namen des betreffenden Teamarztes wollte Schumacher bislang nicht in der Öffentlichkeit vor Gericht, sondern höchstens bei den "relevanten Organisationen" nennen - auch wenn dieser den Prozess mit seinen Aussagen über mögliche Gespräche mit Holczer erheblich verkürzen könnte.

Schumacher schweigt lieber zu seinen Ungunsten, will dadurch aber glaubwürdiger wirken.

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