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Stefan Schumacher (l.) gewann zwei Etappen beim Giro d'Italia 2006. © imago

Am Ende des dritten Verhandlungstages kommt es zum großen Knall. Schumacher nennt erstmals den Namen eines behandelnden Arztes.

Stuttgart - Knapp sieben Stunden plätscherte der dritte Verhandlungstag im Betrugsprozess gegen den Radprofi Stefan Schumacher dahin - und am Ende kam der große Knall.

Hans-Michael Holczer, Teamchef der ehemaligen Gerolsteiner-Mannschaft, musste auf Nachfrage von Schumachers Verteidigung zugegeben, sich vor seiner zweiten Vernehmung vor dem Landgericht Stuttgart Informationen über die vorausgegangene Befragung des ehemaligen sportlichen Leiters Christian Henn besorgt zu haben.

"Das war ein klassisches Eigentor", sagte Schumacher-Anwalt Michael Lehner: "Er hat dadurch noch mal verloren. Ein Zeuge, der das braucht, kann ja kein so nahes Verhältnis zur Wahrheit haben."

Schumacher nennt Namen

Zuvor hatte jedoch auch Schumacher selbst für Aufregung gesorgt.

Erstmals in dem Prozess vor der 16. Großen Strafkammer nannte der 31-Jährige den Namen eines Arztes, der die Fahrer bei Gerolsteiner angeblich mit Dopingmitteln versorgte.

Der Mediziner habe bei der Deutschlandtour 2006 in einem Hotelzimmer einem Profi das Dopingmittel Synacthen verabreicht, sagte Schumacher.

Bislang hatte Schumacher die Nennung eines Namens aus "persönlichen Gründen" verweigert. Seine Aussage sei nun "aus der Emotion heraus" geschehen.

Holczer wird emotional

Emotional wurde auch Holczer, der am kommenden Dienstag erneut vor Gericht erscheinen muss.

"Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass der nach seiner Sperre nicht wieder bei einem großen Team aufgenommen wurde", sagte Holczer und bezeichnete Schumacher als "fremdgesteuerten Chaoten".

Schumacher selbst bewegten die Angriffe seines ehemaligen Chefs zwar sichtlich - "aber es war schlau, nichts zu sagen", meinte er: "Das war alles Provokation." (BERICHT: Holczer im Fokus)

Aufgrund Holczers Bekräftigungen, nichts von den Dopingpraktiken seines einstigen Schützlings gewusst zu haben und deshalb von Schumacher betrogen worden zu sein, steht das Gericht weiter vor dem Dilemma "Aussage gegen Aussage". Henns Aussage brachte kaum stichhaltige Hinweise.

Holczer: "Doping zerstört unseren Sport"

Holczer stellte sich erneut als "kompromissloser" Anti-Doping-Kämpfer dar.

"Das Thema Doping ist in der Mannschaft relativ offen angesprochen worden. Aus meiner Sicht so, dass es unseren Sport zerstört und es dafür keine Akzeptanz in der Mannschaft gibt", sagte Holczer:

"Und es hat von meiner Seite genügend Handlungen gegeben, die das unter Beweis gestellt haben."

Bei seinem Team habe "es diese Möglichkeit, diese Sicherheit für die Fahrer nicht gegeben, zu dopen und zu manipulieren", sagte Holczer:

"Man könnte mit dieser Sportart große Gewinne erzielen, aber das Thema Doping ruiniert die Verkaufbarkeit dieses Sports."

Schumacher belügt Holczer

Holczer bekräftige, keinerlei Wissen um die Dopingpraktiken Schumachers gehabt zu haben.

Der 59-Jährige sei demzufolge während der Tour de France 2008 von Schumacher, der die Einnahme der Epo-Modifikation Cera stets bestritten hatte, belogen worden.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem inzwischen geständigen Dopingsünder Schumacher vor, seinen einstigen Boss hintergangen und sich mit seinen Verfehlungen laut Anklageschrift einen "rechtswidrigen Vermögensvorteil" erschlichen zu haben. Es geht um rund 150.000 Euro in den betreffenden Monaten 2008.

Schumacher beruft sich darauf, dass sowohl Holczer als auch Henn bestens über seine Dopingpraktiken Bescheid wussten und deshalb nicht betrogen worden sein können.

Aufgelöst und verwirrt

Konkret betrogen habe Schumacher mit einer Falschaussage während der Tour de France 2008.

Dort habe er seinem Teamchef in einem Gespräch, dem auch Henn beiwohnte, versichert, keine Dopingmittel zu nehmen. Nachtests überführten Schumacher später.

Vor Gericht bestätigte Schumacher zwar die Lüge - allerdings sei er nach Bekanntwerden der Nachweisbarkeit von Cera so aufgelöst und verwirrt gewesen, dass die Teamleitung ihm kein Wort hätte glauben können.

Das Gespräch bezeichnete Holczer "als Verhör". Er sei "sehr massiv" gewesen und habe "alle Register gezogen", sagte er: "Ich wollte wissen: Ja oder Nein. Ich wollte Sicherheit."

Schumachers Verhalten habe ihm diese Sicherheit "nicht gegeben", sagte Holczer: "Aber seine Kontrollen waren negativ."

Schumacher "auffallend nervös"

Henn bestätigte Holczers Aussage ("In dem Moment habe ich ihm, glaube ich, geglaubt"), gab allerdings auch an, Schumacher sei "auffallend nervös" gewesen, als bekannt geworden war, dass Cera nachweisbar ist.

Wie auch Holczer sagte Henn, er habe vor dem betreffenden Tag (17. Juli 2008) nie etwas von Cera gehört.

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