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Tony Martin (r.) ist mehrfacher Weltmeister im Zeitfahren © imago

Nach dem unglücklichen Tour-Verlauf aus dem letzten Jahr setzt sich der Cottbuser bei der 100. Tour hohe Ziele.

Porto-Vecchio/München - Bevor Tony Martin sich in sein nächstes Tour-Abenteuer stürzte, ließ der Zeitfahr-Weltmeister noch einmal die Seele baumeln.

Mit Familie und Freunden gab es am Rande der deutschen Meisterschaft ein gemütliches Grillfest.

Realistische Chance auf Gelbes Trikot

Energie schöpfen für die Leiden bei der 100. Tour de France (ab 29. Juni täglich im LIVE-TICKER), in der Martin einen weiteren Anlauf auf das Gelbe Trikot nimmt.

Im Blick hat der 28-Jährige das Mannschaftszeitfahren in Nizza am vierten Tag, sein Quick Step-Team ist amtierender Weltmeister in dieser Disziplin, und Martin wird der Motor im Kampf gegen die Uhr sein.

Die Chance auf das erste Maillot Jaune seiner Laufbahn sei "realistisch", sagte Martin, aber es müsse auch alles laufen an diesem Tag: "Da muss man schon zu einer Einheit verschmelzen."

Und planbar ist bei einer Tour ohnehin wenig, das hat der gebürtige Cottbuser im Vorjahr zu spüren bekommen.

Pannenserie für Martin 2012

Fluchend und reichlich bedient stand Martin während des Prologs in Lüttich am Straßenrand.

Auf dem Weg zur Bestzeit war ein Reifen geplatzt, der Traum von Gelb dahin.

Quick Step hatte eine technische Neuerung vorgenommen, sie aber zu spät für den Ernstfall erprobt. "Das hatte ich zu verantworten", sagt Quick Step-Manager Rolf Aldag, der Martin seit Jahren beratend unterstützt, noch heute selbstkritisch.

Als Martin den Frust etwas abgeschüttelt hatte, kam der nächste Rückschlag - Sturz, Kahnbeinbruch auf der ersten Etappe.

Der zweimalige Weltmeister quälte sich noch einige Tage, dann ging nichts mehr, und außerdem stand Olympia vor der Tür.

Dort kämpfte sich Martin dann zu Silber. "Es war letztes Jahr schon extrem, das stimmt schon", sagt er.

Sieg im Zeitfahren Mindestziel

Und sicher, er will so einiges geraderücken.

Aber Martin hat keine Rechung offen mit der Großen Schleife: "Es ist nicht so, dass ich mit einer Hochspannung am Start stehen und sagen werde: Jetzt zeige ich es euch allen erst recht."

Wenn er Gelb holt, will er es am liebsten bis zum ersten Zeitfahren behalten, denn der Sieg in seiner Paradedisziplin vor dem Mont-St.-Michel ist sein Mindestziel. "Alles andere wäre eine Enttäuschung", sagt er.

Es ist auch kein Fahrer in Sicht, der ihn bezwingen könnte, gerade weil Bradley Wiggins und Fabian Cancellara fehlen.

Martin zu schwer für die Berge

Das zweite Zeitfahren dagegen ist zu schwer.

Das sei ein Bergzeitfahren mit einer Abfahrt und noch mal einem Bergzeitfahren: "Da zu sagen, ich will gewinnen, wäre vermessen und überoptimistisch."

Die Berge, mit denen pflegt der Wahl-Schweizer ohnehin immer noch keine Liebesbeziehung.

Martin ist schlicht zu schwer für die großen Anstiege.

Deshalb wird er Ambitionen im Gesamtklassement weiter aufschieben.

Gleichwohl ist eine Wiederholung des Parforceritts auf den Mont Ventoux, nach dem er 2009 bei seinem Tour-Debüt Zweiter auf dem kahlen Riesen geworden war, durchaus denkbar.

Offensiv bekämpft er Doping

Doping brauche es für solche Großtaten nicht, sagt er.

Offensiv bekämpft Martin das Geschwür in seinem Sport und dokumentierte dies mit einem öffentlichen Gelübde. "Wir wollen den Leuten zeigen, wir sind sauber, versucht uns zu vertrauen, und wir werden das Vertrauen bestätigen", versichert er.

In die Diskussion um die Berechtigung der spektakulären Etappe nach L'Alpe d'Huez stimmt Martin allerdings nicht mit ein: "Am Ende sage ich, ob ich zweimal Alpe d'Huez hochfahre oder Telegraphe, Galibier und hinten drauf Alpe d'Huez, ist egal."

Der Hype um das Tour-Mekka sei an der Kritik Schuld.

Organisatoren spielen mit dem Leben der Radprofis

Sorgen macht ihm vielmehr die Abfahrt nach dem ersten Anstieg.

Der schlechte Asphalt hinunter vom Col de Sarenne, keine Leitplanken zur Sicherung - Martin schwant Schlimmes.

Er ist der Meinung, dass die Organisatoren viel zu viel riskieren, gar mit dem Leben der Radprofis spielen, denn in der Hitze des Gefechts wird kaum einer Vorsicht walten lassen. Es geht um zu viel.

"Vielleicht muss auch erst mal was passieren, dass jemand da die Grätsche macht, vielleicht ist das so. Ich weiß nicht, warum das sein muss", sagt er.

Noch ist ein wenig Zeit für die Organisatoren, einer möglichen Katastrophe vorzubeugen.