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Tony Martin fährt seit 2012 für Omega Pharma-Quick Step © getty

Der Titelverteidiger nimmt den "großen Druck" im WM-Einzelzeitfahren als Ansporn. Aus der Vuelta-Schlappe zieht er Lehren.

Florenz - Tony Martin scheut Druck nicht, er braucht Druck geradezu, um seine Leistungsgrenze zu verschieben. Auch vor dem WM-Einzelzeitfahren am Mittwoch orientiert sich die Konkurrenz vor allem am Titelverteidiger, und Martin sucht beim Kampf der Zeitfahr-Titanen diese Rolle regelrecht.

"Ich weiß, dass großer Druck auf mir lastet. Das pusht mich, das gibt mir den Grund, über mich hinauszuwachsen", sagte der 28-Jährige im Vorfeld des vielleicht spannendsten Rennens der Straßenrad-Weltmeisterschaften in der Toskana.

Seit Wochen dreht sich für den zweimaligen Champion alles um diese 57,9 nahezu komplett flachen Kilometer zwischen Montecatini Terme und Florenz. Seit der Tour de France hat Martin alles dem Ziel untergeordnet, zum dritten Mal nacheinander Weltmeister zu werden.

Kampf der Extraklasse

Der Zeitfahr-Showdown gegen die beiden Olympiasieger Bradley Wiggins (33/Großbritannien) und Fabian Cancellara (32/Schweiz) verspricht einen Kampf der Extraklasse.

"Es ist ein Aufeinandertreffen der absoluten Könner. Das wird die größte Herausforderung in meiner Karriere", sagte Martin, der das Rennen als letzter der 79 Starter aufnimmt, direkt hinter seinen Rivalen. "Ich bin lieber der Jäger, dann kann ich das Feld von hinten aufrollen."

Der Profi aus dem belgischen Team Omega Pharma-Quick Step ist die einzige große WM-Goldhoffnung des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), wird aber sein Meisterstück abliefern müssen, um Wiggins und Cancellara bezwingen zu können.

Seine Hauptrivalen haben sich ebenso akribisch vorbereitet, auch wenn Cancellara das öffentlich von sich schiebt. "Wir sind in einer eigenen Liga, und wir werden uns auch nicht viel nehmen", sagte Martin.

Martin sieht sich im Vorteil

Wiggins hat allerdings als einziger auf das Mannschaftszeitfahren am Sonntag verzichtet und stattdessen bis zum Sonntag in seiner Heimat die Tour of Britain absolviert und gewonnen. Für Martin könnte dies die falsche Strategie gewesen sein.

"Er ist die Strecke noch nicht in Vollspeed gefahren. Ich kenne die kritischen Stellen, das kann ein paar Sekunden ausmachen", sagte er mit Verweis auf die technisch anspruchsvolle Durchfahrt der Altstadt von Florenz, die er beim Triumph mit Quick Step schon bewältigt hat.

Aus Niederlage gelernt

Die Niederlage bei der Vuelta gegen Cancellara hat den gebürtigen Cottbuser zudem noch einmal angestachelt. Martin hat in der Analyse so einige Schwachstellen ausgemacht. "Es war ein Wachrüttler, der noch ein paar Prozent herausgeschüttelt hat", sagte Martin.

Seine Form vergleicht der zweimalige Tour-de-France-Etappensieger mit der von 2011, als er Cancellara und Wiggins, auf den er erstmals seit den Spielen von London trifft, bei der WM in Kopenhagen geschlagen hatte.

Diesen ersten WM-Titel seiner Laufbahn könnte selbst ein Triumph in Florenz nicht toppen. "Das bleibt einzigartig. Aber das hier wäre auch einer meiner größten Siege."

Grabsch kämpft um Zukunft

In seinem Schatten greifen auch die beiden anderen deutschen Starter nach Top-Platzierungen. Routinier Bert Grabsch (Wittenberg) will nach einer missratenen Saison ein Ausrufezeichen setzen und sich noch einmal für einen Profivertrag empfehlen.

"Quick Step hat mich aussortiert. Ich will hier zeigen, dass ich meine Qualitäten nicht verloren habe", sagte der 38 Jahre alte Weltmeister von 2008, den Tony Martin als "aerodynamisches Wunder" bezeichnet. Der Erfurter Patrick Gretsch, der sich im kommenden Jahr dem französischen Team AG2R anschließt, setzt auf seine guten Erinnerungen.

"Italien ist immer ein gutes Pflaster für mich gewesen", sagte der 26-Jährige, der 2004 in Verona Zeitfahr-Weltmeister der Junioren geworden war.

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