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Tony Martin fährt seit 2012 für Omega Pharma-Quick Step © getty

Der Cottbuser deklassiert bei der WM seine Dauerrivalen im Einzelzeitfahren und holt als zweiter Fahrer drei Titel in Folge.

Florenz - Bei der Siegerehrung übermannten Zeitfahr-Titan Tony Martin fast die Emotionen. Den Tränen nahe, genoss der 28-Jährige die Nationalhymne und seinen WM-Titelhattrick im Einzelzeitfahren. All der Druck, den er sich bei den Straßenrad-Weltmeisterschaften auch selbst aufgeladen hatte, fiel von ihm ab.

"Das ist richtig emotional für mich. Der zweite Platz wäre eine Enttäuschung gewesen", sagte Martin, nachdem er den Giganten-Dreikampf mit Bradley Wiggins und Fabian Cancellara für sich entschieden hatte.

Martin fliegt durch die Toskana

Bei der Zieldurchfahrt streckte Martin drei Finger seiner linken Hand aus, um seinen Triumph zu symbolisieren, anschließend fiel er nach dem ersten Gold für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) in der Toskana seinem Physiotherapeuten um den Hals, bevor er sich ausgepumpt auf den Asphalt legte.

Mit 1:05:36,65 Stunden hatte er nach fast 58 Kilometern zwischen Montecatini Terme und Florenz die klare Bestzeit gesetzt und Wiggins (Großbritannien/+46 Sekunden) sowie Cancellara (Schweiz/+48 Sekunden) dominiert.

Ziel Olympiasieg

"Das ist das Highlight meiner Saison, etwas ganz, ganz Besonderes", sagte Martin, der langfristig nun den Olympiasieg in Rio 2016 ins Visier nehmen will. London-Gewinner Wiggins, der in seiner Heimat noch die Nase vorn gehabt hatte, zollte ihm großen Respekt. "Tony war auf einem anderen Level", lobte der 33-Jährige.

Einen WM-Hattrick im Zeitfahren hatte zuvor nur der Australier Michael Rogers (2003 bis 2005) geschafft. Martins ebenfalls in Topform angetretene Rivalen machten den Triumph aber noch wertvoller.

Mit Kraft und mentaler Stärke

Der Deutsche hat in der Toskana sein Meisterstück abgelegt. Auf der nahezu komplett flachen Strecke spielte der gebürtige Cottbuser seine ganze Kraft aus und hielt auch der mentalen Anforderung stand. "Es war schwierig, eine Taktik zu finden, weil das Rennen schier endlos war", sagte er.

BDR-Präsident Rudolf Scharping übermittelte sofort Glückwünsche. "Ich freue mich sehr. Großartig, dass er den Hattrick geschafft hat", sagte Scharping, äußerte aber auch sein Missfallen über die ausgebliebene Fernseh-Übertragung. "Ich bedauere, dass die riesige Fangemeinde des Radsports in Deutschland diesen Erfolg nicht live miterleben konnte."

Nervosität kommt am Start

Seit Wochen hatte Martin alles dem Ziel untergeordnet, zum dritten Mal nacheinander Weltmeister zu werden. Auch am Morgen war Martin, der das Rennen vorab als "Aufeinandertreffen der Könner" bezeichnet hatte, keine Aufregung anzumerken.

Ganz entspannt sei er gewesen, hieß es aus dem Lager des BDR. Direkt vor dem Rennen änderte sich das: "Ich war deutlich nervöser als am Sonntag." Da hatte Martin mit Quick Step bereits das Team-Zeitfahren gewonnen (Bericht).

Forsch auf die Strecke

Als letzter der 77 Starter war Martin in den Wettbewerb gegangen, eine Position, von der er sich einen Vorteil versprach: "Ich bin lieber der Jäger, dann kann ich das Feld von hinten aufrollen."

Mit kräftigen Tritten löste sich Martin um 15.12 Uhr aus der Startbox, nachdem er noch einmal tief durchgeatmet hatte, sofort nahm er die aerodynamische Idealposition ein. Wie auch Cancellara ging Martin forsch an. An der zweiten Zwischenzeit lag dann der Deutsche 13 Sekunden vorn, und dieser Trend kehrte sich nicht mehr um.

Revanche für Vuelta

Der "Wachrüttler" bei der Vuelta, als Martin gegen Cancellara verloren hatte, war ein Warnschuss zur rechten Zeit. Der zweimalige Tour-de-France-Etappensieger bewies, dass er seine kleinen Defizite aufgearbeitet hat und sich in der Form der Titelkämpfe von Kopenhagen befindet. Dort hatte Martin erstmals in seiner Laufbahn Cancellara besiegt.

Als nach 42,3 Kilometern fast 30 Sekunden zwischen ihm und dem Schweizer lagen, zeichnete sich Gold endgültig ab. Auch ein starkes Finish von Wiggins änderte daran nichts, sorgte aber für den identischen Einlauf von 2011 in Dänemark.

Gretsch und Grabsch mit Schwächen

Enttäuschend waren die Auftritte von Patrick Gretsch und Routinier Bert Grabsch. Der Erfurter Gretsch blieb als 38. weit unter seinen Möglichkeiten. Grabsch, Weltmeister von 2008, kam auf den 20. Rang. Martins Triumph dürfte aber über den Frust hinweghelfen.

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