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Der Landschaftsarchitekt Brian Cookson löst Pat McQuai als UCI-Präsident ab © getty

Der neue Radsport-Präsident wird am Tag nach seiner Wahl aktiv. Es wartet ein Berg an Altlasten. Auch Armstrong soll mithelfen.

Florenz - Brian Cookson wird seinen Triumph nicht lange feiern.

Mit IOC-Präsident Thomas Bach will der neue Radsport-Boss sofort das Gespräch suchen und Lance Armstrong an der Vergangenheitsbewältigung beteiligen. Dazu soll in einem wohl revolutionären Akt das Anti-Doping-Management vom Weltverband gelöst werden.

Gleich nach seiner Wahl zum UCI-Präsidenten hat der 62 Jahre alte Brite erste Maßnahmen angekündigt. "Ich möchte sicherstellen, dass unser großartiger Sport sein volles Potenzial entfaltet", sagte Cookson.

Straffreiheit für Ex-Doper?

Um den Radsport langsam aus seiner jahrelangen Depression zu führen, wird der Landschaftsarchitekt zudem Kontakt zur Welt-Anti-Doping-Agentur WADA aufnehmen. Bei der Aufarbeitung der dopingverseuchten Historie soll zusammen mit der WADA über das Vorgehen beraten werden.

So steht die Frage im Raum, allen früheren Dopern Straffreiheit anzubieten. "Wir müssen sehen, ob eine Amnestie mit dem WADA-Code vereinbar ist, aber wir werden in diese Richtung arbeiten. Präzise kann ich da aber noch nicht antworten", sagte Cookson.

Nach Meinung vieler Beobachter würde nur eine solche Praxis ein vollständiges Reinemachen ermöglichen.

Armstrong euphorisch

Eine der wichtigsten Personen in diesem Prozess könnte Armstrong sein, der Cooksons Sieg auf Twitter euphorisch mit "Hallelujah" kommentiert hatte.

Der Texaner, dessen sieben Tour-de-France-Siege wegen systematischen Dopings gestrichen worden waren, wurde von Cookson als eine der Schlüsselfiguren benannt.

"Lance gehört zu denen, die wichtige Beweise zur Aufarbeitung beitragen können. Wenn er kommt, erzählt er hoffentlich die ganze Wahrheit", sagte der Nachfolger des skandalumwitterten Iren Pat McQuaid, dem der Aufbau einer neuen Kultur nicht mehr zugetraut worden war.

Welle positiver Reaktionen

Cooksons Inthronisierung wurde dagegen von einer Welle an positiven Reaktionen begleitet.

Auch Travis Tygart, der Chef des US-Anti-Doping-Behörde USADA, die Armstrongs Praktiken aufdeckte, schickte einen verbalen Blumenstrauß. Die Wahl des Briten sei "monumental" für den Sport. "Wir sind zuversichtlich, dass Mr. Cookson die nötigen Maßnahmen ergreifen wird, so dass sich der Radsport von seiner Vergangenheit befreien kann", sagte Tygart.

Öffentlichkeit mit Argusaugen

Genau diese Maßnahmen werden von der Öffentlichkeit gewiss mit Argusaugen verfolgt.

Der bisherige Chef von British Cycling, unter dessen 16-jähriger Ägide Großbritannien einen beeindruckenden Erfolgsweg beschritten hat, steht unter Beobachtung wie noch kein Spitzenfunktionär im Radsport zuvor.

Cookson, der den Radsport als seine Passion und Liebe beschreibt, will vereinen und versöhnen. "Der Start wird nicht leicht, aber ich habe große Unterstützung", sagte er.

Kontakt zu Bach

Schnell will er auch Bande zum Internationalen Olympische Komitee knüpfen. Dem deutschen Präsidenten Thomas Bach gelte einer seiner ersten Anrufe, kündigte Cookson an. Mit seiner Beziehung zum IOC hatte Vorgänger McQuaid noch punkten wollen.

Doch der neue starke Mann will den höchsten Sportfunktionär der Welt ebenso von seiner Reformlinie überzeugen wie die Mehrheit der UCI-Wahldelegierten am Freitag. Die Frage der Reputation des Sports beim IOC hänge nicht von einer Person ab, sagte Cookson.

Beziehung zum Oligarchen

Seine Reputation wird allerdings ebenso hinterfragt. Die Beziehung zu einem der einflussreichsten Unterstützer, dem russischen Oligarchen und Verbandschef Igor Makarow, sorgt für Diskussionsstoff.

Er soll angeblich beträchtlich auf Cookson einwirken. Dieser weist dies seit Tagen routiniert und gebetsmühlenartig von sich.

Zum Sponsor des Katjuscha-Rennstalls pflege er eine Beziehung, "wie zu jedem anderen wichtigen UCI-Mitglied". Seine Reformen und Untersuchungen würden im Zweifel auch das russische Radsport-Projekt nicht verschonen, sicherte er zu.

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