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Marcel Kittel feierte in London seinen sechsten Tour-Sieg. ZUM DURCHKLICKEN: Die Bilder der ersten Woche © getty

Kittel kommt als Zeitfahrer in die Profiszene. Sein wahres Talent entdeckte ein Niederländer. Nun beherrscht er die Sprintszene.

Villeneuve-d'Ascq - Marcel Kittel hatte sich vor dem Buckingham Palace gerade zum Sprintkönig der 101. Tour de France (täglich im LIVE-TICKER) gekrönt, da geriet der deutsche Radprofi ins Schwärmen.

"Hier auf der Mall zu gewinnen, ist ein Traum. Dieser Sieg kommt nah an einen Triumph auf den Champs-Elysees in Paris heran", sagte Kittel.

Bei seinem herausragenden Sieg auf der dritten Tour-Etappe nach London am Montag bewies Kittel, wer der derzeit schnellste Fahrer im Peloton ist (917113DIASHOW: Die Bilder der 1. Tour-Woche)

Im Nachwuchs kein Sieggarant

Kittel dominiert die Sprint-Elite, scheint unschlagbar. Vorgezeichnet war ihm dieser Weg nicht. Im Nachwuchs war Kittel ein ansehnlicher Zeitfahrer, 2010 immerhin WM-Dritter der U23-Klasse, doch kein Sieggarant.

Schon immer hatte Kittel Talent, Vater Matthias, in der DDR einst selbst Radrennfahrer hatte es ihm in die Wiege gelegt. Seine überragende Begabung für den Sprint erkannte aber erst vor drei Jahren der Niederländer Merijn Zeeman.

Die Umschulung brachte sein Vermögen voll zur Entfaltung.

Schlüsselerlebnis in Malaysia

Das Schlüsselerlebnis hatte Zeeman Anfang 2011 bei dem eher unbedeutenden Etappenrennen Tour de Langkawi in Malaysia.

Dort sollte Kittel, der im Team Skil-Shimano gerade in seiner erste Profisaison gestartet war, für der Niederländer Kenny van Hummel einen Sprint vorbereiten.

"Wir hatten ursprünglich die Idee, ihn zu einem sehr guten Anfahrer zu formen", erzählte Zeeman einmal darüber. Der gebürtige Arnstädter spurtete allerdings so schnell, dass weder van Hummel noch irgendein Konkurrent sein Hinterrad halten konnte - und so war Kittel der Sieger.

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Zeeman formt aus Kittel einen Kapitän

Trainer Zeeman, der inzwischen beim Team Belkin arbeitet, arbeitete hart mit dem Thüringer, trainiert spezifisch seine Sprintfähigkeit und formte aus Kittel auch einen Kapitän.

Einen, der dem Erwartungsdruck einer ganzen Mannschaft standhalten kann, der auch in der Hektik die Nerven bewahrt. "Er hat mir Dinge gezeigt, von denen ich nichts wusste. Er hat mir die Augen geöffnet und den Kopf freigemacht", sagte Kittel über diese Erfahrungen.

Inzwischen ist aus Kittel die ideale Symbiose von Kraft, Explosivität und Stehvermögen geworden. Zudem löst die Anspannung in einem Hochgeschwingkeitssprint, das Drängeln und Schieben beim 26-Jährigen keine Unsicherheit aus.

"Marcel braucht keine optimale Sprintvorbereitung"

Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin beschrieb genau dies zuletzt als einen der großen Vorzüge Kittels: "Marcel braucht nicht unbedingt eine optimale Sprintvorbereitung und zieht trotzdem wie eine Rakete vorbei. Wenn das Chaos ausbricht, ist er noch in der Lage, sich alleine durchzuboxen."

Martin muss es wissen, schließlich fuhren er und John Degenkolb gemeinsam mit Kittel in einem Thüringer Nachwuchsteam.

Zu beobachten war Kittels Abgezocktheit bei seinem grandiosem Triumph auf der 3. Etappe des Giro d'Italia.

Degenkolb bewundert Kittels mentale Stabilität

Auch sein Kumpel und Teamkollege Degenkolb bewundert seine mentale Stabilität.

"Man muss sich nur in die Situation reinversetzen, dass ein ganzes Team für ihn fährt und er die Nerven bewahren muss am Ende. Sich mit dem Team zu identifizieren, das kann er bis zur Perfektion. Das ist eine große Stärke", sagte der Geraer, der Kittel meist auf den letzten Kilometer eskortiert, bevor die Niederländer Koen de Kort und Tom Veelers übernehmen.

Immerhin: Seinen bislang chancenlosen Konkurrenten macht Kittel selbst ein wenig Hoffnung. "Ich finde mich nicht unschlagbar", sagte er. In London sah das allerdings ganz anders aus.

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