SPORT1-Tour-Experte Wolfgang Kleine erinnert sich an ein Rennen gegen die Uhr, das die Kräfteverhältnisse im Radsport über den Haufen warf.

Am Samstag steigt bei der Tour 2014 das Einzelzeitfahren von Bergerac nach Perigueux über 54 Kilometer (tägl. im LIVE-TICKER). Es ist die vorletzte Etappe. Tony Martin hat sich speziell darauf vorbereitet. Der deutsche Weltmeister gilt als Topfavorit.

Wolfgang Kleine erinnert sich an ein Rennen gegen die Uhr, das damals den haushohen Favoriten Miguel Indurain straucheln ließ und die Kräfteverhältnisse im Radsport über den Haufen warf.

Es war ein warmer Tag, dieser 20. Juli 1996 im kleinen Ort Samt-Emillon. Der große Showdown der Tour de France stand an. Das Zeitfahren über 63,5 Kilometer mit Start in Bordeaux.

Wer besiegt Indurain?

Die Protagonisten: Spitzenreiter Bjarne Riis, Telekom-Kollege Jan Ullrich und der bei Rundfahrten scheinbar unbesiegbare Spanier Miguel lndurain.

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Zu Beginn war es ein Tag wie jeder andere, aber es sollte ein besonderer werden. Indurain hatte in der Gesamtwertung keine Chancen mehr auf den Tour-Sieg. Doch er wollte in seiner Spezialdisziplin zum Ende seiner Laufbahn den Etappen-Erfolg.

Als er über die Startrampe fuhr, war eigentlich nur die Frage: Welchen Vorsprung wird er auf die Konkurrenz herausfahren?

Aufregung im Pressesaal

Ullrich lag als Zweiter in der Gesamtwertung vor der 20. Etappe hinter Riis 3:59 Minuten zurück. An sich war der Drops gelutscht, dem Dänen das Gelbe Trikot nicht mehr zu nehmen.

Riis, Kapitän vom Team Telekom, musste sich bei dem Kampf gegen die Uhr nur noch einigermaßen schadlos halten. Das stellte keiner mehr in Frage.

Doch, was sich dann auf der Strecke abspielte, sorgte im Pressesaal des kleinen Ortes Saint-Emilion unter den Journalisten aus aller Welt und den Fans an der Strecke für immer größere Aufregung.

Riis muss um Gelb bangen

Jan Ullrich war mit einer Radmütze, den Schirm a la Tennis-Profi Marc-Kevin Goellner nach hinten, über die Startrampe gefahren. Kein windschnittiger Helm, wie er am Samstag von den Topfahrern benutzt wird.

Eine Zwischenzeit nach der anderen verriet: Hier wird nicht nur "König Miguel" gestürzt, hier muss auch Riis um sein Gelbes Trikot bangen.

Ullrich fuhr wie entfesselt. Die Diskussionen im Pressesaal wurden immer lauter, der Blick auf die TV-Monitore immer spannender. Ullrich holte pro Kilometer Sekunde um Sekunde gegen Riis auf.

Alle fragten sich: Wann hat er den Dänen gepackt, kann Indurain noch einmal kontern?

Ein schlimmer Verdacht fuhr mit

Ullrich fuhr dem Sieg entgegen, Indurain war um 56 Sekunden geschlagen. Riis stemmte sich mit allen Mitteln gegen den Verlust des Gelben Trikots.

Und er hatte Glück.

Ullrich nahm Riis zwar 2:18 Minuten ab, blieb aber noch 1:41 Minuten in der Gesamtwertung hinter ihm. Dem Tour-Triumph des Dänen in Paris stand schließlich nichts mehr im Wege.

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Thron-Sturz des großen lndurain

Nach diesem außergewöhnlichen Zeitfahren von Saint-Emilion und dem Thron-Sturz des großen Miguel lndurain rauschte es im Blätterwald. Ein neuer Star war geboren. Und: Warum hat Jan Ullrich den Sack nicht zugemacht? Was wäre geschehen, wenn Riis Gelb verloren hätte?

Ein ehemaliger Profi, der das Rennen genau beobachtet hatte, erzählte mir wenig später etwas von Teamorder seitens der Telekom-Bosse Walter Godefroot und Rudy Pevenage: "Mensch, haste das denn nicht richtig gesehen? Der Ullrich ist doch auf den letzten zehn Kilometern rückwärts gefahren, nur um seinen Kapitän nicht aus dem Gelben Trikot zu holen."

Ein großes Duell, das, wie wir alle später durch diverse Geständnisse erfuhren, nicht ohne Dopingverdacht über die Bühne ging.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 bis 1998 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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