vergrößernverkleinern
Die Freiburger Sportärzte Andreas Schmid (l.) und Lothar Heinrich beraten sich © imago

Im Abschlussbericht der Expertenkommision werden schwere Vorwürfe gegen die Freiburger Sportärzte Heinrich und Schmid erhoben.

Freiburg - Verschleierte Zahlungen, Doping-Nachschub per SMS und eine lebensgefährliche Bluttransfusion bei Patrik Sinkewitz:

Der Abschlussbericht der Untersuchungskommission der Freiburger Uniklinik liest sich teilweise wie ein Agententhriller und deckt systematisches Doping im Radrennstall Telekom und dessen Nachfolger T-Mobile von 1995 bis mindestens 2006 durch die Ärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid auf.

Laut des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" liegt das Dokument seit dem 16. April vor, eine Veröffentlichung scheiterte bisher an offenen juristischen Fragen.

Zwei Jahre lang untersuchten der Jurist Hans-Joachim Schäfer, der Doping-Forscher Wilhelm Schänzer sowie der Pharmakologe Ulrich Schwabe die Praktiken der beiden Mediziner im Zusammenhang mit dem Ende 2007 aufgelösten Radrennstall und verfassten einen 64 Seiten starken Bericht.

77 Zeugen wurden angehört, allerdings folgten Rad-Profis wie Jan Ullrich, Matthias Kessler, Andreas Klöden oder Udo Bölts der Einladung nicht.

Bisher hatten Schmid und Heinrich lediglich eingeräumt, im strafrechtlich nicht mehr relevanten Zeitraum bis 1999 Dopingmittel verabreicht zu haben. Dieser Aussage widerspricht die Kommission, die zudem zu dem Schluss kommt, dass die Ärzte die Sportler in der Regel nicht über die Nebenwirkungen ihrer Praktiken aufklärten.

Komplkationen bei Sinkewitz

Als sich der geständige Patrik Sinkewitz am 2. Juli 2006 nach der ersten Etappe der Tour de France in Freiburg einer Eigenblut-Transfusion unterzog, soll es zu Komplikationen gekommen sein.

Das Blut des ersten Beutels klumpte und auch beim von Schmid eilends angestöpselten zweiten Beutel wollte der rote Lebenssaft nicht so richtig fließen. Offenbar war das Blut bakteriell verunreinigt gewesen oder fehlerhaft abgenommen worden.

Schmid schickte den Profi jedoch ohne Warnungen wieder fort und setzte ihn nach Ansicht der Kommission "besonders verantwortungslos" dem "Risiko schwerster Komplikationen" aus. Sinkewitz hätte einen septischen Schock oder eine Lungenembolie erleiden können, die tödlich hätte enden können.

Klöden Kessler des Eigenblut-Dopings beschuldigt

Im Zusammenhang mit dem 2. Juli 2006 beschuldigt die Kommission zudem die beiden früheren T-Mobile-Fahrer Klöden und Kessler des Eigenblut-Dopings. Beide sollen mit Sinkewitz von dessen Freundin nach Freiburg gefahren worden sein und sich einer Transfusion unterzogen haben.

Weder Kessler noch Klöden wollten sich zu den Vorwürfen äußern.

Die beiden Mediziner sollen Atteste gefälscht und Zahlungen verschleiert haben. Hauptlieferant der Dopingmittel war nach Erkenntnissen der Kommission eine Apotheke im Schwarzwald-Städtchen Elzach.

Allein 2006 seien zwei Drittel aller Dopingmittel im Wert von fast 21.000 Euro dort bezogen worden. Doch auch die Apothekerin sowie Schmid und Heinrich stellten sich nicht den Fragen der Kommission.

Nachschub per SMS

Wollte ein Profi Nachschub haben, genügte eine SMS oder eine E-Mail. Dabei sollen zur Verschleierung nur die Anfangsbuchstaben der Präparate genannt oder Kennwörter benutzt worden sein.

Der Code für Epo war beispielsweise "Luft". Bei Sinkewitz soll Schmid einst eine Entzündung der Patellasehne diagnostiziert haben, nur um für den eigentlich kerngesunden Hessen eine Ausnahmegenehmigung für ein Kortisonpräparat zu erhalten.

Lediglich Schmid habe laut Aussage eines Kollegen gelegentlich Gewissensbisse gehabt und aussteigen wollen. Letztlich machte der Arzt aber auch dann noch weiter, als Ullrich wegen der Verwicklung in die spanische Doping-Affäre längst suspendiert worden war.

Keine Mitwisser an der Uni-Klinik

Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass Heinrich und Schmid an der Uniklinik ohne Mitwisser gehandelt haben. Selbst für eine aktive Rolle des inzwischen verstorbenen früheren Institutsleiters Joseph Keul finden sich keine Belege.

Keul hatte öffentlich die Meinung vertreten, dass Epo bei richtiger Anwendung ungefährlich sei.

Zur Verfeinerung des Systems wurden offenbar Gelder des Hauptsponsors Telekom missbraucht. Das Unternehmen hatte unter dem Vorsitz von Keul bereits 1998 den Arbeitskreis "Dopingfreier Sport" gegründet.

Abrechnungen über Konto "Dopingfreier Sport"

Konsultierendes Mitglied war Heinrich und so war es Schmid, der ein großen Teil der insgesamt fast 800.000 Euro aus Bonn für seine Forschungen erhielt. Diese konnten zur Perfektionierung des Dopingnetzwerkes dienen.

Auch Medikamentenlieferungen sollen über das Konto "Dopingfreier Sport" abgerechnet worden sein.

Heinrich und Schmid waren 2007 von der Klinik fristlos entlassen worden. Gegen die Mediziner läuft ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Freiburg, zudem verlangt das Land Baden-Württemberg die Einnahmen, die sie für die unerlaubte Nebentätigkeit für die Rad-Profis erhielten.

Diskutieren Sie in der Community!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel