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Sebastian Schmidt wurde 2004 Weltmeister mit dem U-23-Achter © getty

Schlagmann Sebastian Schmidt spricht über seine Rolle im Deutschland-Achter, Erfolg und die Vermarktungsprobleme der Sportart.

Von Olaf Mehlhose

Mit großem Selbstvertrauen und viel Rückenwind startet der Deutschland-Achter als Weltmeister in die neue Saison und beginnt die Mission Titelverteidigung.

Etwas Sorge bereitet allerdings die schwierige Suche nach einem neuen Geldgeber. Nach dreijähriger Zusammenarbeit lief der Vertrag mit Evonik zum 31. Dezember 2009 aus. Ein neuer Hauptsponsor ist derzeit nicht in Sicht.

Statt eines Sponsors ziert nun das Logo der Deutschen Sporthilfe die Werbeflächen des Flaggschiffs des Deutschen Ruderverbandes, der so die Sporthilfe-Spendenaktion "Dein Name für Deutschland" unterstützt.

Der Mainzer Student Sebastian Schmidt ist seit 2008 ein fester Bestandteil des Deutschland-Achters, der nach dem Absturz mit dem achten Platz bei Olympia in China im vergangenen Jahr in die Weltspitze zurückkehrte: Bei der WM in Posen (Polen) holte das deutsche Vorzeige-Boot den Weltmeister-Titel.

Im Interview der Woche mit SPORT1 spricht Schmidt vor dem Weltcup in München über das Erfolgsrezept des Deutschland-Achters, seine Rolle im Boot und die Vermarktungsprobleme seiner Sportart

SPORT1: Statt eines Sponsors schmückt in der Saison 2010 das Logo der Deutschen Sporthilfe das Weltmeister-Boot. Was versprechen Sie sich von dieser Aktion?

Sebastian Schmidt: Wir haben uns entschlossen, die Spendenaktion "Dein Name für Deutschland" zu unterstützen, damit das Ganze ein wenig an Popularität und gewinnt. Der Sinn der Aktion ist es, neue Gelder für die Sporthilfe zu generieren, die dann anderen deutschen Sportlern zugute kommen.

SPORT1: Nach einer Durststrecke gilt der Achter wieder als Flaggschiff des Deutschen Ruderverbandes und hat sich in der internationalen Spitze etabliert. Was sind die Gründe für den Erfolg?

Schmidt: Ausschlaggebend war eine Umstrukturierung des Verbandes und die Wiedereinführung des Leistungsprinzips: Über das Jahr hinweg finden mehrere Selektionen statt, über die sich ein Kreis von Sportlern für das Boot qualifiziert. Aus diesem Kreis wird dann die beste Kombination für das Boot ausgewählt.

SPORT1: Und wie sieht die beste Kombination aus?

Schmidt:Im Rudersport baut eigentlich alles auf einer Kleinbootleistung auf. Die nationalen Meisterschaften werden im Zweier ohne Steuermann ausgefahren. Darüber wird schon eine gewisse Vorauswahl getroffen. Hinzu kommt dann noch die individuelle Leistung auf dem Ruderergometer. So entsteht eine gewisse Wertigkeit der einzelnen Personen. Am Ende wird dann noch geguckt, wer ruderisch gut zusammenpasst.

SPORT1: Die stärksten acht Männer ergeben nicht automatisch das beste Boot. Wie ist es beim Deutschland-Achter? (HINTERGRUND: Casting im Achter spitzt sich zu)

Schmidt: Ein gewisses Niveau ist natürlich Grundvorraussetzung. Aber ich würde nicht unbedingt sagen die acht Stärksten, sondern die acht Besten. Es gibt oft physisch Stärkere, die aber Defizite auf dem Wasser haben. Es sind nie die acht schnellsten Ruderer im Zweier und nie die acht Athleten mit der meisten Kraft. Es ist immer eine Mixtour daraus. Die Trainer müssen herausfinden, welche am besten miteinander harmonieren.

SPORT1: Worin besteht Ihre Aufgabe als Schlagmann?

Schmidt: Zuerst einmal bin ich für alle anderen im Boot deutlich sichtbar, weil ich ganz vorne im Heck des Bootes sitze - also direkt vor dem Steuermann. Für die anderen Sportler bin ich so etwas wie der rhythmische Orientierungspunkt, der das Tempo vorgibt. Allerdings muss ich aufpassen, dass die restliche Besatzung auch in der Lage ist meinem Rhytmus zu folgen, weil ich ohne meine Nebenleute genauso aufgeschmissen bin wie sie ohne mich.

SPORT1: Der Männer-Achter ist seit den Olympischen Spielen in Peking ungeschlagen. Wie groß ist das Verdienst von Bundestrainer Ralf Holtmeyer, der ja bereits 1988 den Achter zu Olympiagold führte?

Schmidt: Ein großer Anteil besteht in der jahrzehntelangen Erfahrung, die er in dieser Bootsklasse bereits gesammelt hat. Es ist schwierig, ein Boot aus acht Männern plus Steuermann zusammenzustellen beziehungsweise zum Harmonieren zu bringen. Er ist der Mann, der uns von Außen zusammenhält - ein Verdienst, das nicht über-, aber auch nicht unterbewertet werden sollte.

SPORT1: Die neue Saison beginnt am kommenden Freitag mit dem Weltcup im München. Danach folgen die Regatten in Luzern und Rendsburg. Was wollen Sie dort erreichen?

Schmidt: Das Ziel ist ganz klar, bis zur Weltmeisterschaft in Neuseeland ungeschlagen zu bleiben. Wir fahren nach München, um dort zu gewinnen.

SPORT1: Ist der Titel bei den Weltmeisterschaften das erklärte Ziel?

Schmidt: Wir wollen den Titel erfolgreich verteidigen. Nach der Bekanntgabe der Besatzung haben wir uns perfekt vorbereitet und müssen jetzt abwarten, was die Konkurrenz macht. Das können wir nicht beeinflussen.

SPORT1: Wer sind denn die größten Konkurrenten um den Titel?

Schmidt: Holland und Kanada, die Medaillengewinner des letzten Jahres, sind für mich die ärgsten Konkurrenten. Außerdem die Briten und Amerikaner, auf die wir in München schon treffen werden. Zum Favoritenkreis gehört aber auch das Boot aus Australien.

SPORT1: Was muss passieren, damit Rudern in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit bekommt und wieder lukrative Sponsoren anzieht?

Schmidt: Es ist schwierig zu sagen, wo es anfangen muss: Wenn wir im Fokus der Öffentlichkeit stehen, haben auch die Sponsoren Interesse, wodurch es dann wieder für die Medien interessant wird. Wir hoffen ja, dass die Aktion mit der Sporthilfe uns national ein bisschen Publicity bringt und dadurch auch die Aufmerksamkeit von Investoren. Vielleicht muss es eine Umstrukturierung der gesamten Sportart geben. In München wurde der Zeitplan bereits umgestellt, um den Wettbewerb für das Fernsehen attraktiv zu gestalten. Der Einer und der Achter werden als interessanteste, nicht qualitativ hochwertigste Rennen zusammengepackt, um die Wettkämpfe besser vermarkten zu können.

SPORT1: Muss sich vielleicht auch etwas am Reglement ändern?

Schmidt: Vom Reglement bestehen nicht viele Möglichkeiten, etwas zu ändern. Eventuell könnten die Distanzen verkürzt werden, damit die Zuschauer in der Lage sind, die gesamte Strecke einzusehen.

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