Achter-Coach Holtmeyer: Mit Silber wären wir auch Gewinner
Von Annette Bachert
München - Ralf Holtmeyer ist der Vater des Erfolgs.
Als der heute 56-Jährige 2008 wieder das Amt des Ruder-Bundestrainers übernahm, begann die unglaubliche Serie des Deutschland-Achters von 34 Siegen ( Bericht: 34. Sieg! DRV-Achter unaufhaltsam).
Bei Olympia in London gilt nun das Motto: "Go for Gold", wie Holtmeyer SPORT1 erklärt, auch wenn er die hohe Erwartungshaltung trotz aller Erfolge nicht teilen will: "Es heißt Medaillengewinner und soweit ich weiß, geht das in London auch bis Bronze."
Im Interview der Woche spricht Holtmeyer zudem über die Ziele bei Olympia, die Konkurrenz, seine trinkfreudigen Athleten und Borussia Dortmund als Motivationsschub.
SPORT1: Herr Holtmeyer, 34 Siege in Folge, seit vier Jahren ungeschlagen. Trainieren Sie den besten Achter, den Deutschland je hatte?
Ralf Holtmeyer: Mit Superlativen muss man immer etwas vorsichtig sein. Wir hatten Anfang der 90er Jahre schon einmal eine ähnliche Serie, auch vier Jahre lang. Aber da hatten wir zwei Niederlagen: Gegen Kanada im Frühjahr 1991 und dann noch früher gegen die DDR 1989 im Frühjahr. Aber meine Beispiele zeigen ja schon, dass wir jetzt ein Stück besser sind. Also seit 2009 ungeschlagen, formal gesehen ist es der stärkste Achter. Aber jetzt warten wir mal Olympia ab und danach lässt sich das vielleicht abschließend beantworten.
SPORT1: Großbritannien und Kanada kommen näher ran, Kanada ist zuletzt sogar Weltbestzeit gerudert. Glauben Sie, dass die für Olympia auch noch zulegen können?
Holtmeyer: Ja, es werden alle für Olympia noch zulegen, es zumindest probieren. Ich denke, dass auch wir noch Reserven haben. Zumal wir nach Belgrad ein wenig Probleme hatten mit Infekten. Und wenn wir das jetzt grundsätzlich überwunden haben und nochmal ein bisschen konsequent aufbauen können, denke ich schon, dass wir bei Olympia noch stärker sind.
SPORT1: Die Öffentlichkeit erwartet nach dieser unglaublichen Serie die Goldmedaille in London. Wie stellen Sie Ihre Mannen darauf ein, mit diesem Druck umzugehen?
Holtmeyer: Ja, wie sie das sagen, die anderen erwarten das. Entscheidend ist, was wir selbst erwarten. Es ist klar, dass die Öffentlichkeit das erwartet. Aber jeder Wettkampf muss immer gerudert werden und die anderen können auch was. Wichtig ist, was wir selbst erwarten und da sagen wir eher ‚Go for Gold‘, wir versuchen das. Es hängt aber auch immer von der Stärke der Gegner ab. Ich denke, wir haben eine gute Chance, nicht mehr und nicht weniger.
SPORT1: Was passiert, wenn es nur Silber oder Bronze wird?
Holtmeyer: Gar nichts. Was soll da passieren?
SPORT1: Nach all den Siegen und der Dominanz der vergangenen Jahre wäre die Enttäuschung möglicherweise doch sehr groß...
Holtmeyer: Es heißt ja Medaillengewinner. Es heißt ja nicht, ein Medaillengewinner und zwei Looser-Gewinner. Soweit ich weiß, geht das in London auch bis Bronze.
SPORT1: Sie wissen, wie olympisches Gold schmeckt. Erzählen Sie Ihren Schützlingen manchmal davon um zu motivieren?
Holtmeyer: Nein, weniger. Das ist für die so weit weg. Ein Teil ist damals, 1988, erst geboren. Wir haben einige, die in dem Altersbereich sind. Das ist für die nicht mehr wichtig. Da ist so viel dazwischen passiert, das spielt heute keine Rolle mehr.
SPORT1: Generell. Was haben Sie 2009, als Sie zurückkamen, für eine Situation vorgefunden? Und was haben Sie seither verändert?
Holtmeyer: Wichtig war 2009 erst einmal wieder Selbstvertrauen zu bekommen. Und da war es klar, dass wir es gleich nochmal probieren müssen im Achter. Wenn wir jetzt gewartet hätten, ein zwei Jahre auf einen guten Achter, das wäre ein Fehler gewesen. Wir haben sehr viel Glück, dass uns das gleich gelungen ist. Auch mit guten Ruderern aus dem U-21-Bereich, die dann hochgekommen sind. Und dann war natürlich nach-olympisches Jahr 2009, in dem viele andere auch im Neuaufbau sind. Und da haben wir es dann gleich geschafft, ganz nach vorne zu kommen, weil wir auch technisch entsprechend gut waren. Und das hat natürlich Selbstvertrauen gegeben und dann ging es sozusagen auf die Reise bis London.
SPORT1: Die Vorbereitung zieht sich über viele Monate. Wie halten Sie die Jungs bei Laune?
Holtmeyer: Es gibt da kein Rezept. Die sind prinzipiell sehr leistungsorientiert. Die meisten studieren, kommen aus einem Milieu, das sehr leistungsorientiert ist. Da muss man gar nicht so sehr auf 'bei Laune halten' achten. Es ist klar, dass wir zwischendurch auch mal Abwechslung ins Training bringen. Wir machen ja auch andere Sportarten: Im Winter Radfahren, wir spielen zwischendurch Fußball und so weiter. Da ergibt sich das automatisch. Dann muss man ein bisschen gucken, dass die Gruppendynamik stimmt. Das ist bei uns auch sehr gut. Dann läuft das schon.
SPORT1: Werden auch besondere Events und Ausflüge eingestreut?
Holtmeyer: Events nicht. Aber wir sind schon zum BVB gegangen, als Bayern München da war. So etwas baut natürlich auf, wenn die Borussia dann die Bayern schlägt. Das ist ein besonderer Motivationsschub hier in Dortmund. Und da das meistens passiert… Klopp hatte uns eingeladen, das ist dann eine schöne Sache.
SPORT1: Ruderer gelten als feierfreudig und trinkfest. Wie kurz halten Sie die Leine?
Holtmeyer: Trinkfest ist sicherlich reduziert. Wir wissen alle, dass Alkohol für die Leistung nicht gut ist. Wir haben eigentlich mehr auf alkoholfreies Bier umgestellt. Wenn Bier getrunken wird, trinken wir immer alkoholfrei.
SPORT1: Und welche Eigenschaft macht die Jungs zum Olympiasieger 2012?
Holtmeyer: Ob wir das werden, müssen wir erst sehen. Das nehme ich ungern vorweg. Ich sage mal, wir haben gute Chancen, weil wir ein stabiles Niveau über vier Jahre haben. Dann haben wir unsere konditionellen Leistungsvoraussetzungen noch einmal gesteigert. Individuell, auch dadurch dass Filip Adamski reingekommen ist, sind wir noch einmal ein Stück stärker geworden. Ich sage mal, ruder-technisch passen die sehr gut zusammen und rudern auch auf hohem Niveau. Das andere ist dann nur noch eine Frage, wie stark die anderen sind. Ob sich die Engländer noch einmal steigern können, wie stark die Kanadier wirklich sind? Können sie so einen Lauf wie den Vorlauf überhaupt wiederholen, wie stabil sind sie da. Das sind aber Fragen, die man noch nicht beantworten kann.
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