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Wladimir Kramnik (l.) verlor 2007 seinen WM-Titel an und Viswanathan Anand © imago

Erstmals seit 74 Jahren findet in Deutschland wieder eine WM statt. Schon vorher fordert ein Russe den Titelverteidiger heraus.

Bonn - Erst rasselte Herausforderer Wladimir Kramnik mit dem Säbel.

Pünktlich zum Showdown um die Schachkrone gibt sich der Russe aber wieder handzahm.

"Diese Veranstaltung wird gentlemanlike ablaufen. Der Kampf wird am Brett entschieden und nicht durch irgendwelche Psycho-Mätzchen", sagt Kramnik vor der am Dienstag startenden Schach-Weltmeisterschaft in Bonn.

"Sein WM-Titel ist nicht viel wert"

Vor kurzem hatte der 33-Jährige den Titelverteidiger Viswanathan Anand noch kleingeredet.

"Sein WM-Titel ist nicht viel wert, weil er in einem Rundenturnier und nicht in einem Zweikampf erkämpft ist", sagte der Ex-Champion. Seinen indischen Gegner, der in der Szene als extrem cooler Typ gilt, brachte das aber nicht aus der Ruhe.

"Das juckt mich überhaupt nicht. So lange ich gewinne, kann er behaupten, was er will", meinte der "Tiger von Madras".

Steinbrück ist Schirmherr

Das mit 1,5 Millionen Euro dotierte Duell - die Kontrahenten teilen sich das Preisgeld - in der Bundeskunsthalle ist auf zwölf Partien mit klassischer Bedenkzeit angesetzt.

Bei einem 6:6-Gleichstand wird spätestens am 2. November in einem Tie-Break der Weltmeister ermittelt.

Bei der ersten Schach-WM auf deutschem Boden seit 74 Jahren soll Bundesfinanzminister und WM-Schirmherr Peer Steinbrück in der ersten Partie (Dienstag, 15 Uhr) den Eröffnungszug machen.

Kramnik hat "schwarze Serie"

Kramnik hofft, einer "schwarzen Serie" ein Ende zu setzen. Schließlich hat der Herausforderer von den 51 bisherigen Turnierpartien gegen Anand zwar sechs gewonnen (41 Remis, 4 Niederlagen), jedoch alle mit den weißen Steinen.

"Irgendwann muss auch diese Serie reißen. Vielleicht schon bei dieser WM", sagte Kramnik. Er versuche natürlich jedes Mal, auch mit Schwarz zu gewinnen, aber "das ist in der absoluten Weltspitze sehr schwierig".

Training mit "Wunderkind"

Der 38 Jahre alte Anand, der in Indien ein Volksheld ist, hat im WM-Vorfeld mit dem erst 17 Jahre alten "Schach-Wunderkind" Magnus Carlsen trainiert.

Über Inhalte des Trainings mit dem als "Weltmeister der Zukunft" geltenden Norweger machte der "Tiger von Madras" allerdings keine Angaben.

"Ich habe mich seit April bis zu zehn Stunden am Tag auf diesen Jahreshöhepunkt vorbereitet", sagte Anand.

Beste Spieler seit 2005

Kramnik hätte in den letzten 20 Jahren einige tausend Partien gespielt, "und wenn man mir eine Position zeigt, weiß ich in 90 Prozent der Fälle, um welche Partie es sich handelt", erklärte der Bundesliga-Spieler vom deutschen Meister OSC Baden-Baden dem "Spiegel".

Spätestens seit Garri Kasparows Rücktritt 2005 gelten Anand und Kramnik als beste Spieler der Welt. Anand hatte vor einem Jahr das vom Weltverband FIDE ausgerichtete WM-Turnier in Mexiko gewonnen und damit Kramnik entthront.

Der Russe hatte 2000 seinem Landmann Kasparow den Titel abgenommen.

Zeit des Taktierens vorbei

Bei den jüngsten Turnieren vor der WM experimentierten die Duellanten viel, um dem Kontrahenten bloß keinen Hinweis zu geben, welche neuen Eröffnungszüge sie in bestimmten Varianten gefunden haben.

Das kostete sie zwar einige Weltranglistenplätze (Anand ist 5., Kramnik 6.), doch das ist für die Spieler absolut zweitrangig.

Nun ist die Zeit des Taktierens zwar vorbei, aber Anand verrät, worauf es ankommt: "Schach ist Schauspielerei. Wenn der Gegner deine Unsicherheit spürt, deine Trauer, dann machst du ihm Mut."

Der Titelverteidiger höre deshalb besonders auf den Atem seines Gegenübers.

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