Steffen: "Gold wäre vermessen"
Debrecen - Nicht nur Britta Steffen staunte über ihre Zeiten.
Als die Doppel-Olympiasiegerin zwischen ihren beiden Gold-Rennen am EM-Schlusstag schnell den Dopingtest erledigen wollte, schauten die Kontrolleure sie verwundert an.
"Dann haben wir es in zehn Minuten gemacht, und sie haben gesagt: Frau Steffen, Sie sind ja hier noch schneller als im Becken", berichtete die 28-Jährige schmunzelnd.
Kusshändchen für die Zuschauer, La Ola mit den Teamkollegen: Knapp neun Wochen vor Olympia präsentierte sich der deutsche Schwimmstar bei der EM in Debrecen so strahlend und gelöst wie lange nicht mehr. ( Bericht: Steffen führt DSV zu goldenem EM-Abschluss).
Steffen auf Top-Niveau
"Ich bin auf jeden Fall total motiviert und glaube, dass ich wieder das Niveau habe, vorne mitzuschwimmen", resümierte die Berlinerin nach der letzten ihrer drei Goldmedaillen in Ungarn und hatte dabei vor allem ihre Zeiten im Auge - die besten seit ihren Weltrekorden 2009.
Nicht so zufrieden mit dem, was die Uhr zeigte, war dagegen ihr Freund Paul Biedermann.
Biedermann fehlen zwei Sekunden
"Da muss noch viel passieren. Ich muss mindestens zwei Sekunden schneller sein", meinte der Weltrekordler nach seinem dritten EM-Gold in Debrecen mit der 4x200-m-Freistilstaffel: "So reicht es bei Olympia gerade mal für ein Semifinale."
Wenn auch mit unterschiedlichem Leistungsstand - die beiden Stars führten die deutschen Schwimmer in Ungarn zu ihrer besten EM-Ausbeute seit zehn Jahren mit achtmal Gold, sechsmal Silber und dreimal Bronze.
Und sie bleiben für London die größten Olympia-Hoffnungen.
Traum-Paar als Gold-Hoffnung
"Natürlich Paul und Britta", antwortete Diagnostik-Bundestrainer Markus Buck wie aus der Pistole geschossen, als er nach den aussichtsreichsten Medaillenkandidaten gefragt wurde, und fügte an: "Und die Staffeln." Die führte das Paar zu insgesamt drei EM-Titeln.
Dabei überraschte Steffen bei den 4x100 m Lagen mit ihrer Zeit von 52,74 Sekunden fliegend - trotz Trainings während der EM umgerechnet noch einmal etwa zwei Zehntel schneller als vor zwei Wochen bei der DM, bei der sie in 53,65 auf Platz vier der Weltrangliste geschwommen war. (SERVICE: Alles zu Olympia 2012).
"Damit hätte ich nicht gerechnet", sagte sie, nachdem sie schon über 50 m Freistil in 24,37 so schnell gewesen war wie seit ihrem Weltrekord bei der WM 2009 (23,73) nicht mehr.
Steffen bremst Euphorie
Dennoch dämpfte die Berlinerin die Erwartungen für die Olympischen Spiele (27. Juli bis 12. August): "Ich glaube, es wäre vermessen, von Gold zu sprechen. Wenn eine Medaille rauskäme, wäre das der absolute Hammer."
Ihre Hauptkonkurrentin Ranomi Kromowidjojo aus den Niederlanden, die wie viele Stars auf die EM-Teilnahme verzichtete, hat Jahresweltbestzeiten von 24,10 und 52, 75 vorgelegt.
Top-Stars für Biedermann noch weit weg
Für Biedermann ist der Abstand zu den Jahresbesten viel größer.
Über 200 m fehlen dem 25-Jährigen nach den 1:46,27 Minuten fast zwei Sekunden zum französischen Jungstar Yannick Agnel, der ebenfalls in Debrecen fehlte.
Auf der doppelten Distanz sind es nach 3:47,84 auf den chinesischen Doppel-Weltmeister Sun Yang gar mehr als fünf Sekunden.
Vor einem Jahr steigerte der Hallenser sich nach vergleichbaren Zeiten bei der DM bis zu den Weltmeisterschaften allerdings noch deutlich und holte in Shanghai dreimal Bronze.
Sechs Olympia-Medaillen als Ziel
Sechs Olympia-Medaillen sieht die Zielvereinbarung mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für die Beckenschwimmer vor.
Neben Steffen und Biedermann tragen vor allem die Staffeln die deutschen Hoffnungen.
Am Schlusstag der EM unterstrich nicht nur das Lagen-Quartett der Frauen mit den Europameisterinnen Jenny Mensing und Sarah Poewe, der 17-jährigen Alexandra Wenk sowie der Schlussschwimmerin Steffen mit EM-Rekord in 3:58,43 Minuten seine Ambitionen.
Herren-Quartett meldet Ansprüche an
Auch die Männer mit dem Vize-Europameister Helge Meeuw, dem WM-Dritten Christian vom Lehn, dem Kurzbahn-Weltrekordler Steffen Deibler und dem Freistilsprinter Marco di Carli, die in 3:34,41 Minuten hinter Italien ihr bestes EM-Ergebnis seit 1999 verzeichneten, meldeten Ansprüche an.
"Ich habe mir für die Jungs beide Beine ausgerissen, eins war nicht genug", sagte di Carli, der die Staffel vom dritten noch auf den Silber-Rang gezogen hatte.
Dass der deutsche Rekordhalter über 100 m Freistil die Olympia-Norm verpasst hatte, schien schon wieder vergessen. Mit seinem London-Start darf der 27-Jährige ohnehin rechnen.
17 Athleten nominiert
Denn zusätzlich zu den insgesamt 17 Athleten, die die offiziellen Nominierungsbedingungen erfüllten, kommen neben Vize-Europameisterin Silke Lippok (Olympia-Norm nur im DM-Vorlauf) wahrscheinlich sechs oder sieben weitere Staffelschwimmer ins Team.
Sie sollen möglichst auch in Einzelrennen an den Start gehen.
"Wir werden für unsere Sportler in die Bütt gehen und versuchen, die sinnvollen Starts herauszustellen", kündigte Buck vor den Nominierungsgesprächen mit dem DOSB an.
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