vergrößernverkleinern
Jochen Schümann begann seine große Segelkarriere auf dem Berliner Müggelsee © getty

Skipper Jochen Schümann spricht im Interview über das Hickhack beim America's Cup und sein deutsch-französisches Segel-Projekt.

Von Jürgen Blöhs

Nizza - Jochen Schümann und der französische Syndikats-Chef Stephane Kandler segeln seit Samstag mit dem von ihnen gegründeten deutsch-französischen Team "ALL4ONE" um die Louis-Vuitton-Trophy mitsegeln und wollen auf Dauer "ein konkurrenzfähiges America's-Cup-Team" zusammenstellen.

Die Louis-Vuitton-Trophy, deren Sieger ursprünglich das Herausforderungsrecht im Kampf um den America's Cup hatte, findet vor Nizza statt - ein "Heimspiel" also für die Crew.

Da der America's Cup gerade durch Gerichtsstreitigkeiten zwischen dem Schweizer Titelverteidiger Alinghi und dem US-Team BMW-Oracle lahmgelegt ist, wollen die Pro-Teams die Louis-Vuitton-Trophy aufwerten und zu einer eigenen Klasse entwickeln.

Den Image-Schaden, der dem Segelsport durch die Querelen um den America's Cup entsteht, bezeichnet Deutschlands erfolgreichster Segler in einem Gespräch mit Sport1.de als unermesslich (Alle News zum Thema Segeln).

Sport1.de: Wie entstand die Idee für ein deutsch-französisches Team?

Jochen Schümann: Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht. Franzosen und Deutsche tun sich jeder für sich schwer, ein konkurrenzfähiges America's-Cup-Team zusammenzustellen. Gemeinsam sind wir aber - glaube ich - stark genug.

Sport1: Stichwort Wirtschaftskrise: Hoffen sie auch auf mehr Zuspruch bei den Sponsoren aus diesen Ländern dank einheimischer Protagonisten an Bord?

Schümann: Das ist sicher auch ein Grund. Deutschland und Frankreich waren immer Schrittmacher, wenn es galt auf wirtschaftlicher Ebene zusammenzuarbeiten, nehmen Sie das Beispiel Airbus. Warum soll das nicht auch auf sportlicher Ebene funktionieren.

Sport1: Wie langfristig sind die Planungen für das Projekt ausgelegt?

Schümann: Das soll schon über Jahre gehen. Wir haben uns viel vorgenommen.

Sport1: Wie kam es zum Namen "All4One" mit der US-typischen 4 für "for"? Klingt nicht gerade nach deutsch-französischer Kooperation.

Schümann: Doch, wir haben uns da an das "Alle für Einen" der drei Musketiere angelehnt. Eine ganz typische französische Geschichte also. Aber Englisch ist nun mal die Segelsprache. Auch bei uns an Bord wird Englisch gesprochen.

Sport1: Deutsche Segler sind leicht unterrepräsentiert. Hat Deutschland einen Mangel an Top-Seglern, die international mithalten können?

Schümann: Das ist natürlich die Folge, wenn man es über Jahre nicht schafft, ein konkurrenzfähiges Team aufzustellen. Da fehlt es nicht nur an erfahrenen Seglern, sondern auch in der Entwicklung und gesamten Organisation. In Deutschland gab es ja nur das "United Internet Team", das gerade mal eine America's-Cup-Kampagne durchhielt und dann, auch auf Grund der Unsicherheit um die Zukunft des America's Cup, wieder aufgab. Aber es geht auch nicht um die Parität an Bord, sondern um die Klasse des Teams. Es sind vom Internet-Team welche dabei, von meinem Alinghi-Team, ein Top-Mann aus Spanien. Deutsche und Franzosen bilden ja nur den Schwerpunkt in einem europäischen Team.

Sport1: Auf was für Booten wird gesegelt?

Schümann: Auf Booten, die dem Reglement der letzten beiden America's-Cup-Rennen entsprechen.

Sport1: Am Samstag sind sie mit "Heimrecht" vor Nizza in die Louis-Vuitton-Trophy gestartet. Was ist das Ziel für Nizza und die Trophy insgesamt?

Schümann: Zunächst segelt zwei Wochen lang jeder gegen jeden. Die besten Vier segeln dann im Semifinale. Da wollen wir hin. Wenn wir das schaffen, sind wir sehr zufrieden, denn wir hatten ja nur zwei Wochen Vorbereitungszeit, eine vor Valencia, eine vor Nizza. Das ist natürlich sehr wenig Zeit für 17 Mann an Bord, sich aufeinander einzuspielen.

Sport1: Im vergangenen Jahr segelten Sie mit der "Platoon" beim Audi Med Cup ebenfalls mit einer neuen Crew anfangs hinterher, um dann am Ende vorn dabei zu sein. Wie viel Zeit wird die Crew diesmal benötigen, um vorn mitzumischen?

Schümann: Wie schon gesagt, wir planen über Jahre. Uns wird nichts in den Schoß fallen, aber wir werden hart daran arbeiten, uns ständig zu verbessern. Daher wollen wir neben der Louis-Vuitton-Trophy, der unser Hauptaugenmerk gilt, auch im Audi MedCup, der RC-44-Serie und der World Match Racing Tour dabei sein.

Sport1: Bisher bedeutete der Gewinn der Louis-Vuitton-Trophy das Herausforderungsrecht für den America's Cup. Wo ist der Lohn für die harte Arbeit, wenn die Querelen zwischen Alinghi und BMW Oracel noch länger andauern?

Schümann: Es geht uns Pro-Teams darum, eine eigene Klasse zu entwickeln, die auch die Sponsoren begeistert. Außerdem soll die Trophy jährlich stattfinden, damit nicht mehr diese langen Pausen zwischen zwei Trophys sind. Und irgendwann kehrt auch im America's Cup hoffentlich wieder Normalität ein.

Sport1: Wie bewerten Sie den Imageschaden durch den Streit um die bekannteste Trophäe im Segelsport?

Schümann: Der ist unermesslich, eigentlich nicht zu schätzen. Da kann man nur spekulieren. Das Event hatte gerade in den letzten drei Veranstaltungen weltweit einen Wahnsinnszulauf, bei Sponsoren, in den Medien und vor allem bei den Fans. Und schauen Sie, was die Streitigkeiten vor Gericht, die Verzögerungen bis zum nächsten Rennen und, und, und an Geld kosten.

Sport1: Jetzt gab es gerade einen neuen Vorschlag von Titelverteidiger Alinghi, das Rennen vor Australien auszutragen. Ein möglicher Kompromiss?

Schümann: Die Idee Australien ist gut, die Bedingungen ideal. Aber ich glaube erst dran, wenn wirklich der Startschuss fällt.

Diskutieren Sie mit im ForumZurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel