vergrößern verkleinern
Das Topmodel Eva Padberg (l.) taufte das Boot des Teams um Jochen Schümann © Audi

Jochen Schümann spricht im Interview über den Fehlstart in den Audi MedCup und die aktuelle Krise des America's Cup.

Von Andreas Kloo

München - Wenn man an den Segelsport in Deutschland denkt, denkt man an Jochen Schümann. Der 56-Jährige hat alles gewonnen, was man gewinnen kann.

Bereits bei Olympia 1976 holte er seine erste olympische Goldmedaille im Finn-Dinghy. 1988 und 1996 legte er weitere Goldene nach.

Die größten sportlichen Erfolge waren aber die beiden Triumphe im prestigeträchtigen America's Cup mit der Alinghi 2003 und 2007.

Doch danach erlebte Schümann auch die Schattenseiten. Ein Gerichtsstreit zwischen dem Team Alinghi und dem Team Oracle beschädigte das Image des America's Cups.

Schümann ging andere Wege und startete eine Profi-Karriere.

Mit dem deutsch-französischen Team "All4One" tritt er in diesem Jahr mit einer TP52-Yacht für das Audi Sailing Team beim Audi MedCup, einer Art Champions League des Segelns, an.

Der Auftakt missglückte Schümann und seiner Crew allerdings. Bei der ersten Regatta, der Cascais Trophy, kamen "All4One" mit dem neuen Boot noch überhaupt nicht zurecht. (Bericht: Schümann-Team muss America's Cup wohl streichen)

Im SPORT1-Interview erklärt Schümann die Gründe für den Fehlstart und was der Segelsport mit der Formel 1 gemeinsam hat. Außerdem schildert er, was ihn zum Segeln trieb. Die schlagzeilenträchtige Weltumseglung der erst 15-jähirgen Laura Dekker kritisiert er.

SPORT1: Sie haben die Cascais Trophy auf dem vorletzten Platz abgeschlossen. Haben Sie schon Gründe gefunden, woran es lag?

Schümann: Das Problem ist, dass wir mit einem komplett neuen Boot am Start sind. Wir sind zwar damit schon einmal vorab gesegelt, um zu prüfen, ob es überhaupt funktioniert, aber wir haben noch nie als Team damit trainiert. Das ist natürlich keine gute Ausgangsposition, vor allem weil andere Teams schon einige Wochen mit ihrem neuen Boot trainiert haben oder sogar schon im Rennen damit gesegelt sind. Das ist für uns natürlich sehr enttäuschend, dass wir nach so vielen Arbeitsstunden und Arbeitstagen mit dem neuen Schiff nicht richtig performen. Gründe dafür gibt es einige. Das würde aber den Rahmen dieses Interviews sprengen.

SPORT1: Liegt es eher daran, dass das Team noch nicht aufeinander eingespielt ist oder macht das Material die größten Probleme?

Schümann: Das Hauptproblem ist das Material. Natürlich gibt es auch Optimierungsbedarf im Team, was das Handling und die Abstimmung aufeinander angeht. Aber das kommt mit der Zeit. Die Gründe, warum es mit dem Material noch nicht optimal läuft, sind zum Teil sehr offenkundig. Aber das soll keine Entschuldigung sein. Im Gegenteil: die Maßnahmen, die wir jetzt durchführen müssen, liegen klar auf der Hand.

SPORT1: Es hört sich fast wie in der Formel 1 an, wo man ja auch zwischen den Rennen Testtage benötigt, um am Material zu tüfteln. Kann man das vergleichen?

Schümann: Richtig, bei uns geht es hauptsächlich um das Boot und vor allem um die Segel. Bei einem Rennwagen muss man Motor, Aerodynamik und Fahrwerk aufeinander abstimmen. Das ist bei uns grundsätzlich genauso. Für uns ist es sogar noch schwieriger, da die Segel quasi Reifen und Motor in einem sind und sich beim Rennen auch sehr schnell abnutzen. Wenn dann für ein Boot neue Segel kommen, ist das natürlich keine günstige Situation. Aber zeitlich war es nicht anders möglich und so braucht es jetzt noch viel Abstimmungsbedarf. Daran werden wir arbeiten und haben auch schon während der Rennen damit angefangen, die Segel zu verändern.

SPORT1: Die Aufmerksamkeit für Segeln war in Deutschland - speziell nach ihrem Sieg beim America's Cup 2007 - schon einmal höher. Woran liegt es, dass das Interesse wieder gesunken ist?

Schümann: Generell ist das Interesse in den angelsächsischen Ländern einfach höher. Das sieht man ja auch daran, dass nach über 150 Jahren erstmals in 2007 überhaupt ein deutsches Team am America's Cup teilgenommen hat. Es gab danach auch durchaus den Willen, als deutsches Team weiter zu machen. Aber der anschließende Gerichtsprozess hat den ganzen Wettbewerb in eine tiefe Krise gestürzt. Die Machbarkeit des America's Cup als Top-Event wurde dadurch in Frage gestellt. Momentan ist das Team Oracle aus San Francisco federführend. Aber die tun sich offensichtlich schwer damit, den Event neu zu gestalten und sich gleichzeitig an den Maßstäben von 2007 zu orientieren, als der Cup hochpopulär war.

SPORT1: Wie kann man denn die Aufmerksamkeit für den Segelsport wieder erhöhen?

Schümann: Grundsätzlich ist der Segelsport ja populär und wird immer populärer. Früher war das ein reiner "Eignersport". Wenn man kein Segelboot besessen hat, konnte man nicht segeln oder musste mit Freunden mitsegeln. Heutzutage ist der Wassersportmarkt ein riesiger Konsummarkt. Man kann Boote chartern und hat viele verschiedene Möglichkeiten, um einen Zugang zum Segeln zu bekommen. Die Gelegenheit zum Segeln ist heute größer denn je. Es gibt ja auch viele im Amateurbereich. Im Audi Med Cup gehen allerdings nur Profiteams an den Start, die sehr gut vorbereitet sind. Da komme ich wieder auf den Vergleich mit der Formel 1 zurück. Im Motorsport gibt es unterhalb der Formel 1 ja auch viele verschiedene Renn- und Altersklassen.

SPORT1: Die Massenaufmerksamkeit gilt aber doch nur der Formel 1. Was halten Sie denn von solchen Aktionen wie der Weltumseglung der 15-jährigen Laura Dekker? Sind solche medienwirksamen Aktionen geeignet, um das Interesse am sportlichen Geschehen beim Segeln wieder zu erhöhen?

Schümann: Das sehe ich eher kritisch. Was will man damit beweisen? Man kann natürlich immer ein Spektakel organisieren, um Schlagzeilen zu kreieren. Das ist sicher legitim und heute nicht ungewöhnlich. Ob das dann aber eine sportliche, menschliche Leistung ist, die in einem Wettbewerb steht oder einfach nur ein risikobehaftetes Spektakel ist, ist die Frage. Sicherlich war es eine tolle Leistung, aber gleichzeitig auch ein kompletter Irrsinn.

SPORT1: Die Weltumseglung war auch ein großer Abenteuer-Trip. Was hat Sie denn zum Segelsport getrieben? War das auch die Abenteuerlust, die Team-Arbeit auf See oder die Tüftlerei am Boot?

Schümann: Bei mir war es vor allem die Tüftlerei am Boot. Ich komme nicht aus einer Seglerfamilie, sondern bin während der Schulzeit zu einer Arbeitsgemeinschaft gekommen, die sich "Bootsbau Segeln" nannte. Mich hat zunächst mal nur der Bau von Booten interessiert. Vom Segeln hatte ich noch keine Ahnung. Wenn man dann aber am Bau von Booten beteiligt ist, möchte man diese Boote auch irgendwann selbst segeln. Und so ist aus mir ein Segler geworden. Das ist sicher nicht unbedingt ein Karriereeinstieg, wie man ihn sich vorstellt. Letztlich ist die Entwicklung immer von Talent, von den Möglichkeiten, die sich einem bieten und vom richtigen Augenblick abhängig.

SPORT1: Richtige Augenblicke gab es aber dann doch einige für Sie mit den Olympia-Goldmedaillen und dem America's-Cup-Triumph 2007.

Schümann: Letztlich ergab sich in meiner Karriere alles Schritt für Schritt. Wenn man selbst größer wird, wechselt man in größere Boote, bis hin zu den olympischen Klassen. Und anschließend ging es immer stärker in die technisch-orientierten Klassen bis hin zum America's Cup. Da bin ich dann auch zum "Pro" geworden.

SPORT1: Wieviele Tage verbringen Sie auf See im Jahr?

Schümann: So viele sind es gar nicht. Ich zähle sie nicht ganz genau, meine Frau zählt die wahrscheinlich genauer. Beim Audi MedCup sind es acht Tage pro Event, macht bei fünf Regatten 40 Segeltage im Jahr. Aber mindestens das Dreifache an Tagen arbeitet man an dem Boot, vor und nach dem Event. Da trifft wieder der Vergleich mit der Formel 1 zu. Man muss erst einmal ein wettbewerbsfähiges Sportgerät haben, um selbst wettbewerbsfähig zu sein. Das kostet sehr viel Arbeit.

SPORT1: Gibt es noch weitere Projekte oder Wettbewerbe außer dem Audi MedCup, an denen Sie teilnehmen?

Schümann: Als Sportler nehme ich unter anderem noch am Wally Circuit teil, ein Wettbewerb für große Maxi-Yachten. Diese werden von privaten Eignern gesegelt, und als "Pro" bin ich sozusagen als aktiver Berater mit an Bord. Für mich ist auch das eine große Herausforderung - mein Wissen in Worten rüberzubringen - und für die Yachteigner ist das gekaufte , zusätzliche Regatta-Erfahrungen, um auf hohem Niveau zu regattieren, ohne viel Zeit in das Crewtraining zu investieren.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite