vergrößernverkleinern
Ruttensteiner legt Wert auf schnelles Umschalten © APA (Archiv/Artinger)

Österreichs oberste Fußball-Lehrer erwarten sich von der WM in Südafrika keine bahnbrechenden Neuerungen im taktischen

Österreichs oberste Fußball-Lehrer erwarten sich von der WM in Südafrika keine bahnbrechenden Neuerungen im taktischen Bereich. Sowohl ÖFB-Ausbildungschef Thomas Janeschitz als auch Sportdirektor Willi Ruttensteiner gehen eher von einer Fortsetzung der jüngsten Trends aus: Das schnelle Umschalten und die Qualität von Einzelspielern, die sich dem Kollektiv unterordnen, werden zum Erfolg führen.

"Ich glaube nicht, dass wir taktische Revolutionen sehen werden", sagte Janeschitz, und Ruttensteiner schloss sich dessen Meinung an, "weil in diesem Bereich schon alles ausgereizt ist". Die eine oder andere unorthodoxe Formation könnte man laut Ruttensteiner jedoch zu sehen bekommen. "Griechenland ist 2004 mit einem Libero und zwei Manndeckern Europameister geworden. Es kann also durchaus passieren, dass der eine oder andere Trainer zu ungewohnten Mitteln greift, aber neues System, das kann nicht passieren."

Für Ruttensteiner und Janeschitz entscheidet bei Duellen zwischen Teams auf Augenhöhe vor allem die Qualität der herausragenden Spieler - und dabei die Bereitschaft der Stars, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Für Janeschitz ist Weltfußballer Lionel Messi in dieser Hinsicht das Paradebeispiel. "Er arbeitet permanent für seine Kollegen, macht auch Defensivarbeit."

Für den klassischen Primgeiger im zentralen Mittelfeld oder den nur im Strafraum lauernden Goalgetter ist laut Janeschitz im modernen Spitzenfußball kein Platz mehr. "So einen Spieler wie früher Toni Polster kann ich mir bei der WM eher nicht vorstellen", schmunzelte der 43-Jährige.

Als zweiten wichtigen Faktor neben der Klasse der Individualisten haben Janeschitz und Ruttensteiner das Verhalten der Teams bei Ballgewinn und Ballverlust ausgemacht. "Das Umschalten ist ganz wesentlich, egal ob von Offensive auf Defensive oder umgekehrt. Wenn Mannschaften den Ball verlieren und dann unorganisiert sind, wird es für sie schwierig, weil der Gegner sofort den Pass in die Tiefe sucht", analysierte Janeschitz.

Diese Ansicht vertritt auch Ruttensteiner. "Trainer unterscheiden heutzutage in offensive und defensive Spielanlagen. Das Entscheidende ist, wie die Mannschaft umschaltet, wie Inter im Champions-League-Finale sehr gut vorgezeigt hat. Spiele entscheiden sich meiner Meinung nach in den Übergängen. Man muss bei Ballverlust wahnsinnig schnell organisiert sein, sonst ist man verloren", erklärte der Oberösterreicher.

In den meisten Fällen funktioniert das Umschalten bei Ballgewinn besser - dass die WM-Teilnehmer deshalb nur auf Fehler des Gegners warten werden, glaubt Janeschitz allerdings nicht. "Es wird ähnlich wie bei der EURO 2008 werden. Die Mannschaften werden darauf bedacht sein, offensiv zu spielen, und die angreifenden Mannschaften werden sich durchsetzen", prophezeite der Wiener, der aus diesem Grund Spanien ganz oben auf seiner Favoriten-Liste hat.

Auch Ruttensteiner hält den regierenden Europameister für den aussichtsreichsten Titelanwärter, mit einem Offensivspektakel in Südafrika rechnet der 47-Jährige aber nicht. "Sobald ein Tor gefallen ist, wird der Trainer der führenden Mannschaft seine Spieler tiefer stehen lassen."

Dennoch werde mit radikalem Catenaccio auch nichts zu holen sein. "Dass die Defensive Turniere oder Meisterschaften gewinnt, unterstreiche ich nicht. Man kann auch keine Qualifikation überstehen, wenn man nur verteidigt. Es gewinnt noch immer der, der ein Tor macht", betonte der Sportdirektor, der diese Ansicht auch den ÖFB-Nachwuchsmannschaften verinnerlicht. "Nur noch hinten zu stehen, das würden wir nicht mehr zulassen. Früher haben wir verteidigt und auf Konter gespielt, aber jetzt versuchen wir, ein offensives Spiel zu machen."

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel