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Del Bosque: Gelassen trotz historischer Chance © APA (epa)

Kein Stress, kein Streit, keine Sorgen: Obwohl der historische Finaleinzug auf dem Spiel steht, herrscht im Lager der Spanier

Kein Stress, kein Streit, keine Sorgen: Obwohl der historische Finaleinzug auf dem Spiel steht, herrscht im Lager der Spanier eine ausgesprochen gelassene Stimmung. "Wir dürfen weiter träumen", sagte Trainer Vicente del Bosque vor dem Halbfinale am Mittwoch in Durban gegen Deutschland. "Wir wollen hier noch zwei Etappen erfolgreich zurücklegen", kündigt er den Angriff auf den WM-Titel an.

Der Europameister, dessen Auftritte in Südafrika bisher zwar souverän aber noch nicht überragend waren, weiß, dass die vorletzte Etappe auf dem Weg zum großen Ziel Titel-Triumph die schwierigste werden könnte. "Die Deutschen haben ihren Fußball erneuert. Sie haben einen Fußball, der ausgereizt schien, verändert. Sie haben sich weiterentwickelt", wies Del Bosque darauf hin, dass Joachim Löws aktuelles Team nicht mit dem Verlierer (0:1) von Wien zu vergleichen sei. "Das ist zwei Jahre her und zudem keine Revanche", versicherte der 59-Jährige.

Riesenrespekt angesichts der bisher brillanten Leistungen der Löw-Truppe haben auch die meisten Spieler der "Seleccion". Sie schieben dem EM-Zweiten die Favoritenrolle zu. Kreativgeist Andres Iniesta urteilte vor dem europäischen Gipfeltreffen auf Meereshöhe am Mittwoch im Moses Mabhida Stadion (20.30 Uhr): "Sie spielen eine spektakuläre WM."

Spielerisch befinden sich beide Mannschaften auf dem gleichen Niveau. Ihre anfangs gravierenden Mängel, vor lauter "tiki-taca" die Attacke zu vernachlässigen, haben die Spanier seit dem Alptraum-Auftakt gegen die Schweiz Stück für Stück behoben. Jetzt folgt dem Kombinationswirbel meist auch ein Abschlussversuch. "David Villas Tor ist beispielhaft für unsere Spielweise", sagte der Trainer zum 1:0 des bisher treffsichersten WM-Stürmers gegen Paraguay. "Die Gegner wissen das aber inzwischen und stellen sich darauf ein."

Detaillierte Videoanalysen, ausführliche Spiel- und Spielerbeobachtungen machen spektakuläre Taktiktricks ohnehin kaum noch möglich. Deshalb setzt Del Bosque auch gegen Deutschland auf seine übliche Strategie: "Wir müssen unserem Stil vertrauen und mit der gewohnten kämpferischen Einstellung agieren. Das haben wir bisher gut gemacht." Ersatzkeeper Pepe Reina glaubt: "Schlüssel zum Sieg ist, wer das erste Tor schießt."

Del Bosque ist kein Freund großer Umstellungen, und einen Verletzungsausfall hat er auch nicht zu beklagen. Der Pragmatiker wird wohl im Semifinale erneut seine Stammformation aufbieten. Auch Fernando Torres, der nach seiner Meniskusoperation bei der WM bisher enttäuscht hat, dürfte gegen Deutschland eine neue Bewährungschance erhalten. "Er bleibt unser Stürmer", sagte der Coach. "Das heißt nicht, dass er ein unumstrittener Stammspieler ist. Aber wir vertrauen ihm weiterhin."

Für Torres spricht trotz Formschwäche ein psychologischer Aspekt: Der Stürmer-Star des Liverpool FC hatte vor zwei Jahren im Wiener Happel-Stadion den 1:0-Siegtreffer geschossen. Eine mögliche Alternative wäre der offensive Mittelfeldmann Cesc Fabregas, der bisher nur zu ein paar Kurzeinsätzen kam. Aber diese offene Frage bringt keinerlei Unruhe in die geschlossen und souverän auftretende "Seleccion." Del Bosque betonte: "Die Einheit der Spieler ist unsere Stärke."

Zur großen Gelassenheit rund um den Titelkandidaten trägt sicher das beschauliche Trainingslager in der Noordwes Universiteit in Potchefstroom bei. Weil Semesterferien sind, haben die Spanier auf dem weitläufigen Gelände absolute Ruhe und ungestörten Auslauf. Kasernenatmosphäre kommt hier keine auf - und reizvolle Ablenkung bietet die langweilige Provinzstadt auch nicht.

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