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Die Fans jubelten laut, die Spieler feierten leise © APA (epa)

Keine Ehrenrunde, keine ausgelassene Feier, kein Triumphgeschrei: Die temperamentvollen Spanier genossen ihren historischen

Keine Ehrenrunde, keine ausgelassene Feier, kein Triumphgeschrei: Die temperamentvollen Spanier genossen ihren historischen Einzug in ein Endspiel einer Fußball-WM ziemlich nüchtern. "Wir müssen diesen Moment genießen. Wir feiern, aber zurückhaltend", sagte der wie immer bescheiden und besonnen auftretende Trainer Vicente del Bosque nach dem ungefährdeten 1:0 (1:0) im Halbfinale gegen Deutschland.

Del Bosque richtete den Blick bereits auf die Niederlande: "Das wichtigste Spiel kommt erst noch. Wir wollen das Maximum erreichen." Platz vier bei der WM 1950 in Brasilien war bisher der größte WM-Erfolg der Spanier, danach war spätestens im Viertelfinale Endstation. Nun kommt es zum Finale von zwei Nationalmannschaft, die wohl die besten noch ungekrönten sind. Dieser Vorstoß ins Finale bedeutet sehr viel für Spanien. "Wir haben so lange auf Erfolge gewartet", sagte del Bosque. Nun winkt zwei Jahre nach dem EM-Triumph von Wien bei der Fußball-Fiesta in Südafrika die Krönung.

Nur unmittelbar nach Puyols Kopfball-Torpedo (73.) glich die "selección" für einige Sekunden einem Tollhaus. Fast die gesamte Mannschaft und die meisten Einwechselspieler stürzten sich auf den 1,78 Meter großen Innenverteidiger und begruben ihn unter sich. Während auf dem gefeierten Helden für Momente Zentner lasteten, fielen den Spaniern Zentnerlasten von den Schultern. Königin Sofia und Star-Tenor Placido Domingo, die später in die Kabine zum Gratulieren kamen, jubelten in der Ehrenloge. Und die rot-gelb-rot gekleideten und geschminkten "aficionados" sorgten mit Tausenden von Vuvuzelas für einen Höllenlärm.

Dann spulten die Spanier ihr (Sieges)-Programm so souverän und routiniert wie schon zuvor ab. "Wir haben den Sieg verdient, weil wir die Partie vor allem in der zweiten Halbzeit dominiert haben", analysierte der überragende Regisseur Xavi, der zum "Mann des Spiels" gewählt wurde. Del Bosque bescheinigte seinen Akteuren "eine wunderbare Leistung".

Die um drei Profis von Real Madrid und Capdevila vom FC Villarreal ergänzte "Club-Mannschaft" des FC Barcelona ließ bei der EM-Neuauflage Joachim Löws völlig überfordert scheinende und zudem taktisch falsch eingestellte "Jungs" nie zur Entfaltung kommen. "Deutschland war schwächer, als wir erwartet hatten", äußerte sich del Bosque ungewohnt kritisch. "Gegen Chile und Paraguay war es schwieriger." Vor allem das Mittelfeld mit Xavi, Iniesta, dem für Torjäger Fernando Torres aufgebotenen Pedro und Xabi Alonso entschied das Duell mit dem bis dahin so starken Mittelfeld um Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira für sich.

Zugleich freute sich der Trainer-Gentleman mit dem Image eines liebevollen, gemütlichen Opas über Löws großes Kompliment. Der Bundestrainer bezeichnete Spanien "als bestes Team der Welt". Er bewunderte die unheimlich gute Ballzirkulation und die "unglaublichen Automatismen" des spanischen "tiki-taka". Löw legte sich vor dem Vergleich der Spanier mit den Niederländern am Sonntag (20.30 Uhr) in Johannesburg fest: "Ich bin mir sicher, dass sie das Endspiel gewinnen."

Vom erstmaligen WM-Triumph sind auch die ausgelassenen feiernden Fußballfans in der Heimat und die spanischen Medien überzeugt. "Wir sind die Besten der Welt (und am Sonntag Weltmeister)", titelte das Fachblatt "Marca" ohne einen Hauch von Zweifel. "El Mundo" urteilte: "Spanien zieht die Welt in seinen Bann. Das Land hat ein Ticket in die Ewigkeit gelöst." "El Periódico de Catalunya" schwärmte: "Rote Herrlichkeit in Südafrika." Und "ABC" freute sich: "Es ist kein Traum: Spanien steht im WM-Finale."

Die "selección" selbst geht ihre größte WM-Prüfung indes konzentriert, zurückhaltend, aber auch selbstbewusst an. "Die Niederlande spielen traditionell einen guten Fußball", würdigte del Bosque den kommenden Kontrahenten. "Sie haben auch ein gutes Turnier gespielt."

Xavi sagte, die Niederlande seien ein großes Team und in großer Form. "Aber wenn wir so spielen wie gegen Deutschland, haben wir gute Chancen. Wir wollen es genießen, im Finale zu stehen - und gewinnen", kündigte er den großen Coup an. Sein Mittelfeld- und Vereinskollege Andrés Iniesta warnte vor verfrühter Euphorie: "Wir müssen noch den letzten Schritt machen, um den Traum zu erfüllen."

Die Bilanz der jüngsten Vergangenheit lässt jedenfalls ein spannendes Finale erwarten. Die Niederländer gehen mit einer stolzen Serie von 25 Spielen ohne Niederlage sowie ausschließlich Siegen in der Qualifikation (8) und beim Turnier in Südafrika (6) ins Endspiel. Spanien hat von den jüngsten 54 Partien nur zwei verloren - diese ausgerechnet in Südafrika, beim Confederations Cup im Vorjahr im Halbfinale gegen die USA (0:2) und zum WM-Auftakt gegen die Schweiz (0:1).

(Schluss) sg/hal

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