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Hunderttausende säumten die Straßen in Spanien © APA (epa)

Spanien hat sich nach Europa auch auf der weltweiten Bühne zur Nummer eins gekürt. Vor 84.490 Zuschauern in Johannesburgs

Spanien hat sich nach Europa auch auf der weltweiten Bühne zur Nummer eins gekürt. Vor 84.490 Zuschauern in Johannesburgs Soccer City sowie 700 Millionen vor den TV-Schirmen krönte sich "La Roja" zwei Jahre nach ihrem EM-Triumph von Wien erstmals in der Historie zum Weltmeister. "Unser Bemühen, unser Talent ist unendlich. Das wird für immer bestehenbleiben", meinte Teamchef Vicente del Bosque.

Nach dem euphorisch gefeierten 1:0 nach Verlängerung gegen die Niederlande am Sonntagabend brachen über die Mannschaft wahre Jubelarien ein. "Spanien ist Weltmeister, ein Epos, das dem spanischen Sport bisher gefehlt hat", urteilte Spaniens auflagenstärkste Tageszeitung "El Pais" und "El Mundo" titelte: "23 Herzen, eine Seele." In dem von regionalen Interessen geprägten Land wirkt der Treffer des unermüdlich rackernden Andres Iniesta (116.) wie ein Bindemittel. "Das Land Spanien verdient diesen Triumph. Das geht über Sport hinaus", meinte Del Bosque bedeutungsschwer.

Die Erfolgswelle soll nach Südafrika aber nicht verebben. Der Großteil von Spaniens "Seleccion" befindet sich im besten Fußball-Alter und könnte auch in vier Jahren in Brasilien noch eine wichtige Rolle spielen. Dazu kommt, dass Spanien auf ein schier unüberschaubares Reservoir an guten Spielern verfügt. "Wir sind einfach der Erfolgsspur gefolgt. Wir haben nur einige Spieler in die Mannschaft geholt, um sie aufzufrischen", meinte Del Bosque, der mit dem Erfolg am Kap die Arbeit seines Vorgängers und EM-Coaches Luis Aragones überstrahlte.

Möglich gemacht hatte dies der so gar nicht spanisch wirkende Iniesta. Von seinem Gegenspieler Mark van Bommel in einer oft überhart geführten Partie unermüdlich mit Tritten bearbeitet, revanchierte sich der Barcelona-Star auf seine Weise. Nach Pass von Cesc Fabregas war der nur im Gesicht blasse 26-Jährige aus der Region Kastilien-La Mancha zur Stelle und sorgte für den, wie der englische "Mirror" meinte, "gerechten Sieg für die Mannschaft, die die Weltmeisterschaft mit Fußballspielen gewinnen wollte".

Ganz seinem Naturell entsprechend spuckte Iniesta aber auch nach seinem Goldtor keine großen Töne. "Es hat große Kraftanstrengungen gebraucht. Das war unser Ziel, das wir vor langem in Angriff genommen haben. Und nun können wir es genießen", meinte der Mittelfeldmann, der bei seinem Torjubel an den im August 2009 mit 26 Jahren verstorbenen Espanyol-Kapitän Dani Jarque erinnerte. "Ich dachte, das ist beste Möglichkeit, dies zu tun", erklärte Iniesta. Der Weltmeister hat zu Hause etwa 20 Dutzend Trikots seines ehemaligen Mitspielers in Junioren-Mannschaften. Alles Erinnerungen an Derbys, die er mit Jarque ausgefochten hatte.

Bei der obligatorischen Pressekonferenz beantwortete der "Man of the Match" gerade einige Fragen, bis seine Mitspieler Gerard Pique, Carles Puyol und Fabregas mit Bierflaschen hereinstürmten und das "Campeones"-Lied anstimmten. Trainer Del Bosque schmunzelte väterlich. In der Kabine sei die Hölle los gewesen, berichtete er später. Königin Sofia, Prinz Felipe und seine Letizia, Startenor Placido Domingo, Tennis-Ass Rafael Nadal - alle feierten mit. "Ich wünsche mir jetzt nur noch, dass die irgendwann mal aus der Kabine kommen", sagte der Coach lange nach Mitternacht. Schließlich stand auf dem Flughafen die Chartermaschine bereit, die die "Roja" direkt zu den Jubelfeiern nach Madrid bringen sollte.

Erfolgsgarant gegen die Niederländer war aus spanischer Sicht auch Torhüter Iker Casillas, der seine Elf mit einer Parade gegen Arjen Robben in die Verlängerung rettete. Der Kapitän vergoss bereits vor Schlusspfiff Tränen der Freude, ehe er als erster Spanier der Geschichte den WM-Pokal stemmen durfte. "Ich glaube nicht, dass wir wissen, was wir heute Abend erreicht haben", meinte der zum besten Schlussmann des Turniers ausgezeichnete Casillas. Nach dem 0:1 gegen die Schweiz zum Auftakt war ihm bereits eine Formkrise angedichtet worden. Auch sein Naheverhältnis zu TV-Reporterin Sara Carbonero stand im Kreuzfeuer der Kritik. Diese küsste er beim Siegerinterview vor laufenden Kameras.

Einziger Wermutstropfen aus spanischer Sicht blieb, dass David Villa der sechste WM-Treffer verwehrt blieb. Dem Barcelona-Stürmer gelang es deshalb nicht, die Torjägerwertung wie bei der EURO 2008 für sich zu entscheiden. Villa zerbrach sich darüber aber nicht den Kopf. Vielmehr rief der treffsichere Angreifer einmal mehr in Erinnerung, dass sich Spanien auf dem Weg zum Triumph nicht beirren hatte lassen. "Auf was wir stolz sein können ist, dass wir unseren Spielstil nie geändert haben. Spanien hat immer seine Philosophie beibehalten", meinte der 28-Jährige.

Nach der erfolgreichen Conquista findet sich Spaniens Nationalelf auch formal auf jener Position wieder, die ihr auch schon vor Turnier-Beginn zugestanden wäre. In der am Mittwoch erscheinenden FIFA-Weltrangliste wird der neue Champion wieder in im April an Brasilien verlorene Top-Position übernehmen. Nach Deutschland (1972 EM/1974 WM) ist Spanien auch das zweite Team überhaupt, das hintereinander Europa- und Weltmeister wurde. Frankreich schaffte das Kunststück in umgekehrter Reihenfolge (1998/2000).

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