Kitzbühel-Super-G-Sieger Ivica Kostelic hat zu vielen Themen im alpinen Skisport eine Meinung, wenn er sie kundtut, dann durchaus plakativ. FIS-Renndirektor Günter Hujara fühlt sich davon nicht in die Verteidigerrolle gedrängt - im Gegenteil, er habe für die Anliegen der Athleten stets ein offenes Oh.

"Der Herr Kostelic, ohne Ironie, ist unser bester Rennläufer zurzeit. Der Herr Kostelic hat super, super Gedanken zum Skisport", sagte also Hujara im Gespräch mit Journalisten.

"Als Senna in Imola gegen die Mauer krachte, hat es ein Erdbeben in der FIA gegeben und alles wurde geändert. Bei uns bleibt sogar der Sprung, bei dem ein schrecklicher Unfall passiert, gleich", hatte der im Weltcup führende Kroate am Freitagnachmittag in Kitzbühel gesagt. Er meinte den Sprung an der Mausefalle, der dem laut Experten einen Fahrfehler machenden Salzburger Hans Grugger zum Verhängnis geworden war. Ein Sprung, den aber jeder andere Rennläufer im Training meisterte, wie Hujara anfügte. "Ich stehe jetzt seit 18 Jahren an diesem Sprung. Sprungweite und Höhe sind voll im Mittel von dem, was wir hier gehabt haben."

Man habe aber nicht nach Routine weitergearbeitet, sondern die Stelle noch einmal gecheckt - und alle anderen markanten und brisanten Streckenteile auf der Streif. "Wenn ein Zustand nicht haltbar ist, wird er sofort korrigiert. In der Mannschaftsführersitzung sind Vertreter aller Nationen. Ich habe sie alle gefragt, keiner hat um Veränderungen angefragt", erläuterte Hujara. Das war es auch, was die Medien mitbekamen, was freilich manchmal hinter den Kulissen läuft, weiß man aber nicht. Der Schluss könnte aber lauten: es sind auch die Fähigkeiten eines Läufers, die bestimmen, wie eine Aufgabe bewältigt wird.

Hujara versteht, dass Kostelic gegen den Sprung ist, weil Sprünge für ihn eine Herausforderung seien. So wie der Schweizer Didier Cuche gegen die Super-Kombination wettere, weil sie etwas verlange, was er seit zwanzig Jahren nicht mehr fahre (Slalom). Die Entscheidung anzutreten, wenn man für sich empfinde, dass dies ein Risiko beinhalte (Abfahrt, Sprünge), könne man den Athleten nicht abnehmen. Man versuche, die Möglichkeit für den Läufer zu schaffen, dass er selber agieren könne, dass er nicht ausgeliefert sei.

"Man muss bedenken, ein Athlet hat seine Zeit, in der er mit seinen Leistungen das Bestmögliche für sich und seine Zukunft gestaltet. Warum soll er anhand seiner Fähigkeiten etwas befürworten, was ihn daran hindert, seine Zukunft positiv zu gestalten?", fragte also Hujara. Ein Läufer müsse sich auch argumentativ schützen. Und wenn eine Stelle (in dem Fall Sprung) für ihn entstehe, die das Risiko für ihn erhöhe, dann erwarte er sich beinahe solche Äußerungen, wie sie eben Kostelic getätigt habe.

Die Geschwindigkeitsdiskussion, die es auch immer wieder gebe, dürfe man nicht an der Maximalgeschwindigkeit aufhängen. "140 km/h auf einem Streckenteil, den die Läufer leicht beherrschen, kann überhaupt nichts bedeuten. Und 60 km/h auf einem Streckenteil, der die Läufer schon grundsätzlich überfordert, kann zu viel sein. Das Brüggli-S in Wengen mit 70 km/h stellt hohe Anforderungen, 155 im Hanegg ist für die Läufer keine große Anforderung." Auf der Streif sei man heuer vom Streckenrekord weit entfernt. Die Maßnahmen, die man getätigt hätten, haben gewirkt.

Ständig sei man um Verbesserungen bemüht, sowohl was Entschärfungen auf der Strecke, als auch die individuelle Sicherheit des Läufers betreffe. "Das ist alles extrem schwierig und komplex, wir müssen kontinuierlich weiterarbeiten. Wir erhöhen Schutzmaßnahmen, aber irgendwo sind Grenzen gesetzt", sagte der Deutsche.

Seit einem Jahr werde an der Entwicklung eines Anzuges mit einer Art Airbag-System mit Nackenschutz gearbeitet, ähnlich, wie er im Motorradsport verwendet werde. "Wir sind vielleicht in der Lage, in den nächsten zwei Jahren so etwas zu entwickeln", hofft Hujara. Dass es in einer Sportart, in der es um Wettkampf und veränderte Bedingungen gehe, zu Unfällen und Stürzen komme, werde man nie verhindern können. "So leid die uns tut."

Zum Thema Pistenpräparierungen und der Forderung von Kostelic, dass man wieder weg vom Vereisen gehe und zurück zur Natur, zum Schnee kehre, sagte Hujara: "Wenn ich hier in Kitzbühel sage, ich packe das alles mit der Natur, dann habe ich einen halben Meter tiefe Rinnen. Man muss alles im Gleichgewicht sehen. Manchmal sind Äußerungen überschießend, aber ich bin mit den Läufern im Gespräch, jeden Tag."

Grundsätzlich hätten alle Läufer recht. Jene, die weiche Pisten, und jene, die eisige bevorzugen und diese dann am besten von allen meistern, weil sie ihre Fähigkeiten auf den für sie optimalen Untergrund ausspielen. "Aber wir können leider nicht immer 20 Grad plus und wir können auch nicht immer 10 Grad minus produzieren." Im Laufe einer Saison passiere viel. "In Alta Badia wurde bei weichen Bedingungen nachpräpariert. Dann sind 18 Grad minus gekommen, dann war es betonhart. Es gab zehn Läufer, die die Piste bis ins Himmelreich gelobt haben. Und für die, die nicht das richtige Material haben, war es die härteste."

Trotz des Unfalls am Donnerstag haben kaum Läufer ihren Start auf der Streif zurückgezogen. Hujara überrascht das nicht: "Von dem Zeitpunkt an, als im Training der Hubschrauber wegflogen ist, wurden Bestzeiten gefahren. Nach dem Unfall von Beltrametti in Val d'Isere wurden die Zeiten schneller gefahren als vorher. Das sind trainierte Spitzenwettkämpfer, die die Sportart gewählt haben, die trainieren da drauf hin. Sie sind in der Lage, den Fokus so zu gestalten, dass sie solche, bitte richtig verstehen und unter Anführungszeichen, 'störenden Einflüsse' wie eine Verletzung vorher, ausblenden und sich auf ihre Tätigkeit besinnen."

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