Er ist begehrt, aber er lässt sich nicht mit Geld kaufen. Ulrich Conrady ist Erfinder und Entwickler der bei den österreichischen Skispringern nun schon drei Jahre angewandten "Audiovisuellen Wahrnehmungsförderung" (AVWF) und in einer Weiterentwicklung auch des von ÖSV-Cheftrainer Alexander Pointner angewandten Neurocoaching. Der Deutsche widersteht finanziellen Lockrufen u.a. aus Deutschland.

Er fühlt sich in Österreich besser verstanden und arbeitet nun auch - erfolgreich - mit Elisabeth Görgl und Co. Bei der AVWF-Methode werden von Conrady die Schallwellen beliebiger Musikstücke kaum hörbar moduliert. Nach einer ersten Einheit von zehnmal einer Stunde wird das vegetative Nervensystem der Anwender laut dem Erfinder stimuliert und ausbalanciert. Ziel ist Stressabbau, verbesserte Regeneration, aber auch verändertes Schlafverhalten.

Die AVWF-Methode ist auch für Kinder und Erwachsene in mehreren Bereichen anwendbar. Mit zusätzlichen Farb-Licht-Elementen und einer aus dieser Methode entwickelten, speziellen Wettkampf-Coaching-Form, dem Neurocoaching, hat auch Conrady seinen Anteil an den Springer-Erfolgen in Österreich. In erster Linie wird der Parasympathikus, genannt der "Ruhenerv", der für Regeneration, Ruhe und Schonung im Nervensystem sorgt, gefördert.

Conrady ist auch bei den Weltmeisterschaften in Oslo dabei. Seinen Anteil am Erfolg der Österreicher kann er freilich schwer einschätzen. "Das kann man nicht in Prozentzahlen ausdrücken. Aber ich gehe davon aus, dass wir durch die AVWF eine gute Stressregulation hinbekommen und alle Athleten ausgeruht sind", sagte Conrady im Interview mit der APA.

Seine Methode sei besonders interessant für Extremsportarten. "Wenn wir in Lebensbedrohung kommen, schaltet der Organismus auf Überlebensstrategien um. Genau das passiert immer, wenn dieser Freiflug ohne Flügel kommt." Dem Hirnforscher ist dabei wichtig festzuhalten, dass seine Anwendungen keinesfalls über die psychologische Ebene, sondern die biologische wirken. "Es geht nicht über die Psyche, das ist viel zu kompliziert und dauert zu lange."

Durch die biologischen Einflüsse der "Schalltherapie" wird dem Organismus Sicherheit vermittelt. "Das Gehirn wird nachweislich schneller in der Reizverarbeitung. Wir hatten einige Leute dabei, die um 500 Prozent schneller geworden sind." Ein Thomas Morgenstern hat beispielsweise eine besonders gute Reizverarbeitung.

In einem zweiten Schritt, der bei den Springern allerdings weniger angewandt wird, arbeitet Conrady auch mit Brillen, die mit speziellen Farben oder Farbfiltern versehen sind. Mit dem Fußball-Bundesligisten Wacker Innsbruck ist der Deutsche diesen Schritt weiter gegangen, bei den Tirolern gibt es Regenerationsläufe mit diesen Brillen.

Für Conrady zählen freilich auch Ergebnisse. Dank der Synergien im neustrukturierten ÖSV hat er vor einiger Zeit auch mit einem kleinen Kreis bei den Alpinen sowie auch im Biathlon begonnen. Auffallend: Elisabeth Görgl und Anna Fenninger waren in Garmisch-Partenkirchen sehr erfolgreich, holten für Österreich dreimal Gold. "Das kann dann wohl nicht ganz so falsch sein."

Man wende die Methode auch nicht im Gießkannen-Prinzip an. "Gerade bei den Skispringern muss man extrem individuell sein. Du sollst nicht einfach alles nehmen, was du kriegen kannst, sondern nur das nehmen, was du brauchst." Ein Thomas Morgenstern braucht derzeit nichts. Ein Martin Koch arbeitet derzeit verstärkt mit Tiefenatmung. "Jeder nimmt sich das Tool, das er benötigt."

Gar nichts hält Conrady von diversen Psychologen an den Schanzen. Das Neuro-Coaching, wie es auch Alexander Pointner nun praktiziert, konzentriert sich ganz auf das Wesentliche und darf, so Conrady, nicht mehr ins Detail gehen. Diese Hausaufgaben, ebenso wie psychologische Basisarbeit, müssten schon lange vorher gemacht werden, aber eben nicht mehr im Wettkampf. "Ein Wettkampf-Coach ist etwas völlig anderes als eine Basis-Kompetenz", ist sich der Hirnforscher sicher.

In nunmehr drei Jahren der Zusammenarbeit hat es immer wieder Abwerbe-Angebote gegeben. "Man kann sich mit Geld nicht alles kaufen", versichert Conrady. "Du musst erst einmal jemand haben, der sich traut, der mutig ist, der sagt, ich setze das genauso um. Das habe ich bei den Skispringern in Österreich so vorgefunden." Der finanzielle Reiz interessiere ihn nicht.

"Die Österreicher sind halt immer einen Schritt schneller, die Deutschen verpennen ja alles", sagte Conrady über seine Landsleute im Deutschen Skiverband. Allerdings habe er mit dem ÖSV ausgemacht, dass er in Notfällen auch anderen Sportlern zur Verfügung steht. So sei Martin Schmitt vor zwei Jahren mit Schlafstörungen zu ihm gekommen. "Er hat dann danach in Liberec den Vize-Weltmeistertitel geholt. Ich bin auch derzeit der Einzige, der Sport-Traumatas in einer Woche verändert", ist Conrady überzeugt.

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