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Frankreich im alten Trott © getty images

Nach dem Fiasko an der EURO 2008 sollte rund um das französische Nationalteam vieles anders werden. Den Worten sind kaum Taten

Nach dem Fiasko an der EURO 2008 sollte rund um das französische Nationalteam vieles anders werden. Den Worten sind kaum Taten gefolgt. Der angestrebte Wandel verkam zu einem Zahlenspiel.

In den ersten Tagen nach dem blamablen Out in der EM-Vorrunde vor zwei Jahren mit nur einem Punkt war der Massnahmenkatalog des französischen Verbandes lang gewesen. Neuer Nationaltrainer, verjüngte Mannschaft und eine spektakulärere Spielweise waren die wichtigsten Forderungen. Raymond Domenech, der Coach mit der gewichtigen Lobby innerhalb der Fédération, konnte seine Haut retten, indem er versprach, für die Veränderungen zu sorgen.

Es waren reine Lippenbekenntnisse des smarten Laienschauspielers Domenech, der am Verhandlungstisch offenbar überzeugender ist als im öffentlichen Rampenlicht. Der einstige Verteidiger änderte so gut wie nichts am Erscheinungsbild seiner Mannschaft. Sie mogelte sich mit Defensivtaktik und nicht zuletzt dank einem Handspiel von Thierry Henry in der Barrage gegen Irland nach Südafrika. Die Art und Weise, wie sich die Franzosen für die Endrunde qualifiziert haben, passt bestens zum Bild, das sie derzeit abgeben.

Der Popularitätswert der "Bleus" hat sich in den letzten Jahren auch im eigenen Land kontinuierlich demjenigen des unbeliebten Nationalcoaches angenähert. Eine Sexaffäre um eine 17-jährige Prostituierte, fehlende Selbstkritik, Dünnhäutigkeit gepaart mit extremer spielerischer Armut kosteten dem Team haufenweise Sympathiepunkte. In Südafrika tat es nichts dafür, die Meinungen positiv zu beeinflussen. Die französische Delegation präsentiert sich wie bereits bei der EURO 2008 in Châtel St-Denis von seiner unnahbaren Seite.

Das Hotel der Franzosen liegt auf einem Felsen, isoliert von der restlichen Welt, nur eine Strasse und der Seeweg führen zum Pezula Hotel Resort in Knysna und dessen im Schnitt 750 Franken teuren Zimmern. Die lokale Bevölkerung bekommt von den Spielern, die zu einem grossen Teil afrikanischen Ursprungs sind, nichts zu sehen. Ein starker Kontrast zu den nebenan residierenden Dänen und Japanern, die den Kontakt zu den Südafrikanern bewusst gesucht haben.

Abgeschirmt von jeglichen unwillkommenen Gästen trainieren die 23 französischen Spieler, das in diesem Quartal eingeführte 4-3-3. Drei Stürmer sollen den Erfolg und gleichzeitig Spektakel bringen. Ein Unterschied zu den Leistungen in der Qualifikation war allerdings in den Testspielen nicht auszumachen. Einer respektablen Vorstellung gegen Costa Rica (2:1) folgte ein fader Auftritt gegen Tunesien (1:1) und ein katastrophaler Fauxpas gegen China (0:1). Mit veränderter Zahlenkombination ist diese Equipe nicht auf Kurs zu bringen. Seit sich Zinédine Zidane vor vier Jahren mit einem Kopfstoss in die Brust von Marco Materazzi aus dem Nationalteam verabschiedet hat, herrscht ein Vakuum, und es fehlt die Identifikationsfigur.

Seit Wochen fragen sich die nationalen Medien, von wem der nötige Impuls kommen könnte, um unverhofft doch noch eine gute WM zu spielen. Traditionell sind die Erfolge des Nationalteams mit dem Namen eines Spielmachers verbunden. Vor Zidane (1998 und 2006) waren Michel Platini (1982 und 1986) und Raymond Kopa (1958) die grossen Nummern 10. Dass in Südafrika der wenig phantasivolle Sidney Govou mit dem prestigeträchtigsten Trikot spielt, ist kein Zufall.

Yoann Gourcuff, der anfängliche Hoffnungsträger, ist in die Kritik geraten und steht dem Rauswurf aus der Startformation derzeit näher als der ihm zugedachten Rolle des Zidane-Nachfolgers. Andere junge Offensivkräfte wie Arsenals Samir Nasri, Marseilles Hatem Ben Arfa oder Karim Benzema von Real Madrid haben es erst gar nicht ins WM-Aufgebot geschafft. Sie haben den Charaktertest vor zwei Jahren in der Schweiz nicht bestanden. Franck Ribéry kann zwar mit Dribblings brillieren, aber nicht als umsichtiger Ballverteiler.

Die Erwartungen an die eigene Mannschaft sind in Frankreich deshalb gering. Nur vier Prozent glauben an den WM-Titel. Diese schöpfen ihren Optimismus daraus, dass bereits vor den erfolgreichen Weltmeisterschaften 1998 und 2006 die Unsicherheit rund um die Mannschaft gross war; der Grossteil der anderen 96 Prozent wartet auf die Wachablösung. Nach der WM tritt Laurent Blanc die Nachfolge von Domenech an.

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