Im Januar konnten fünf von sechs afrikanischen WM-Teilnehmern ihre Teams am Afrika-Cup unter Wettbewerbsbedingungen testen. Eine Gelegenheit zur Kadersichtung und taktischen Feineinstellung.

Von den in Angola gewonnenen Erkenntnissen können die Coaches von Ghana, Kamerun und Algerien profitieren, während die Verantwortlichen der Elfenbeinküste und von Nigeria nach den seelenlosen Auftritten ihrer Teams in die Wüste geschickt wurden. Dies entspricht zwar gängiger Fussballlogik, aber es ist gewiss nicht optimal, so kurz vor einer WM die Trainer auszuwechseln. Auch wenn es sich bei den Neuen um so erfahrene Leute wie die Schweden Sven-Göran Eriksson (Elfenbeinküste) und Lars Lagerbäck (Nigeria) handelt. Der eine war mit England an zwei, der andere mit den Nordeuropäern sogar an drei Endrunden dabei. Afrika ist allerdings Neuland für beide.

Alle sechs afrikanischen Teams werden beim ersten Weltturnier auf afrikanischer Erde unter grossem Erwartungsdruck stehen. Und nimmt man die generell wenig überzeugenden Leistungen vor allem der drei nominellen afrikanischen Fussball-Supermächte Nigeria, Elfenbeinküste und Kamerun am Afrika-Cup als Massstab, ist zu bezweifeln, dass eine afrikanische Mannschaft nur schon die Vorrunde überstehen kann.

Wenn man den Afrika-Cup jedoch als eine Art Theaterhauptprobe betrachtet, dann ist die Möglichkeit gross, dass die Fussballer, - wie Schauspieler zur Premiere hin -, adrenalingedopt und auf den Punkt genau bereit sein werden. Und dann sieht es auf Grund des eindrücklichen Potentials, das in diesen Teams steckt, schon viel erfolgversprechender aus. Einige der aktuell weltbesten Spieler wie Didier Drogba (Elfenbeinküste), Samuel Eto'o (Kamerun), Michael Essien (Ghana) oder Mikel Obi (Nigeria) stehen in ihren Reihen.

Weil ein Star allein noch keine Mannschaft macht, werden die erwähnten Grössen auf den wichtigen Positionen durch Mitspieler aus namhaften europäischen Ligen ergänzt. So lädt eine ivorische Achse mit dem Verteidiger Kolo Touré (Manchester City) hinter seinem Bruder Yaya (FC Barcelona) und dem so effizienten wie variablen Angriffsquartett Drogba, Salomon Kalou (beide Chelsea), Seydou Doumbia (Young Boys) und Kader Keita (FC Barcelona) geradezu zum Träumen ein.

Auch auf Kameruns Teamliste erscheinen durchaus renommierte Vereine aus Europas Spitzenfussball als Arbeitgeber. Doch die einst gefürchteten unzähmbaren Löwen zeigten im afrikanischen Kontext keine Krallen, und von mannschaftlicher Geschlossenheit konnte keine Rede sein.

Ebenfalls abgeblättert ist der Glanz früherer Jahre von den nigerianischen "Super Eagles". Im bevölkerungsreichsten Land Afrikas, mit seinem entsprechend grossen Reservoir an Talenten, stützte man sich zu lange auf die goldene Generation der Neunzigerjahre und versäumte es, nachhaltige Jugendförderung zu verrichten.

Die südafrikanischen "Bafana Bafana", Afrika-Cup-Sieger 1996, leiden ebenfalls unter der afrikanischen Krankheit der verpassten Erneuerung. Ihr Fall dürfte am schwerwiegendsten sein. So ortete der ehemalige brasilianische Weltmeister-Trainer Carlos Parreira bei seinem Amtsantritt im Jahr 2007 rudimentäre Nachwuchsstrukturen. Er konnte trotz ausgedehnter Reisetätigkeit auf der Suche nach talentierten Spielern nicht verhindern, dass Südafrika mit Platz 86 im FIFA-Ranking das am schlechtesten platzierte Heimteam der WM-Geschichte stellt. Sogar die Kostümprobe Angola blieb ihm verwehrt, weil sich sein Team nicht einmal für den Afrika-Cup qualifizieren konnten.

Wieder aufwärts geht es hingegen mit Algerien. 24 Jahre nach der letzten WM-Qualifikation erreichte die Mannschaft am diesjährigen Afrika-Cup den Halbfinal. Doch ein Sieg im Gruppenspiel gegen überhebliche Ivorer reichte nicht aus, um vergessen zu machen, dass Bürgerkriege der Qualität des Fussballs nicht förderlich sind. Der Trainer Rabah Saadane, übrigens der einzige afrikanische Trainer an der WM, mag ein erfahrener Taktiker sein, aber auch für ihn wird es nicht einfach sein, mit seinen "Wüstenfüchsen" gegen England, die USA und Slowenien zu bestehen.

Bleibt Ghana als afrikanischer Hoffnungsträger. Die Leistung der "Black Stars" in den Achtelfinals der WM 2006 in Deutschland gegen ein starkes Brasilien bleibt in Erinnerung, und erstaunlich war zuletzt ihr Auftritt am Afrika-Cup. Dort musste der serbische Coach Milovan Rajevac auf etliche Stammkräfte verzichten. Der Not gehorchend setzte er unter anderem auf sieben U20-Weltmeister von 2009. Darunter befand sich der Basler Samuel Inkoom. Er kam regelmässig zum Einsatz und erhielt dabei sehr gute Noten.

Diese Jungen mit Jahrgängen zwischen 1988 und 1990 enttäuschten ihren Trainer nicht. Sie erkämpften sich den Finaleinzug, in dem sie sich schliesslich der geballten Routine des Rekord-Afrikameisters Ägypten beugen mussten. Wenn die Teamleader Essien, Stephen Appiah und Jonathan Mensah bis zur WM wirklich wieder fit sein sollten und sich Rajevac mit dem wenig pflegeleichten Inter-Spieler Sulley Ali Muntari aussöhnen kann, dann sind die Westafrikaner ernsthafte Anwärter auf einen Platz in den Viertelfinals.

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