Nordkoreas ganz besonderer Sturm-Tank:

(Si) Der Mann passt nicht so richtig ins Kollektiv. Jong Tae-Se ist ein eigenartiger Mensch in einer eigenartigen Mannschaft. Er hätte für Japan oder Südkorea spielen können, aber nein: er stürmt für das kommunistische Nordkorea. Und das bedeutet ihm alles.

Vor dem Spiel gegen Brasilien hörten sich zehn Nordkoreaner mit ernstem Gesicht die Hymne an, derweil einer weinte, offensichtlich tief berührt. Mit seinen kurz geschorenen Haaren wirkt Jong schon rein optisch nicht so wie seine Mitspieler. Jong ist anders, in jeder Hinsicht. Er liebt Shopping und Snowboard, und in seinen Träumen sieht er sich am Steuer eines schnittgen Sportwagens, im Arm ein koreanisches Mädchen der Version 'Spice Girls'. Und er wünscht sich, in einem grossen Fussballverein in Europa zu spielen.

Aber er spielt nicht für das südkoreanische Heimatland seiner Eltern, sondern für die Demokratische Volksrepublik, nach dem Zerfall des Ostblocks eine der wenigen stalinistischen Inseln, die noch übrig geblieben sind. Geboren und aufgewachsen ist Jong in Nagoya in Japan, wo er auch heute noch bei Kawasaki Frontale unter Vertrag steht. Dort verdient er im Gegensatz zu seinen nordkoreanischen Kollegen ordentlich Geld, er kennt den Umgang mit iPod oder Playstation.

Jong besuchte jedoch in Japan eine Schule und später eine Universität, die von einer Nordkorea nahestehenden Organisation namens Ch'ongryon betrieben wurde. Und als sich Nordkorea nach einem verlorenem Spiel nicht für die WM 2006 qualifizieren konnte, reifte in ihm der Entschluss, inskünftig für Nordkorea aufzulaufen. Mit Unterstützung von Ch'ongryon erhielt er einen Pass, wonach er bei der FIFA erfolgreich einen Verbandswechsel beantragte. Bereits im Juni 2007 gab er sein Debüt.

In Südkorea und in Japan muss man inzwischen mit der Kritik leben, sich nicht genug um den Stürmer bemüht zu haben. Denn inzwischen hat Jong in 24 Spielen schon 16 Tore geschossen. An der WM in Südafrika wartet er noch auf seinen ersten Treffer. Den will er heute gegen Portugal verbuchen. Gegen Brasilien hatte es immerhin zu einem Assist gereicht. Seine Kopfball-Vorlage verwertete Kamerad Ji Yun-Nam kurz vor Schluss zum 1:2.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel