47 Tage nach dem peinlichen WM-Out beginnt für Italiens Nationalteam heute Abend ein anderes Kapitel, gewissermassen.

Unter dem neuen Trainer Cesare Prandelli sind nur noch neun Versager von Südafrika dabei. Prandellis Vorgänger Marcello Lippi hatte sich gegen Spieler mit schwierigem Charakter meistens erfolgreich gewehrt: Der eingebürgerte Brasilianer Amauri, Mario Balotelli oder Antonio Cassano erhielten unter dem Toskaner nie eine Bewährungschance. In Prandellis möglichem 4-2-3-1 könnte das offensive "ABC"-Trio in London gegen die Elfenbeinküste bei erster Gelegenheit bereits eine tragende Rolle einnehmen.

Insbesondere Inter-Stürmer Balotelli (19), um den Manchester City heftig buhlt, und Sampdoria Genuas Spielmacher Cassano (28) haben in Italien einen zweifelhaften Ruf: Bei beiden ist der Grat zwischen Genie und Wahnsinn ungefähr gleich schmal, beide sind Publikumslieblinge, immer für ein Tor gut, aufgrund ihrer Eskapaden aber für Trainer schwer zu (be)greifen.

Prandelli sieht das anders, ist aber nicht blauäugig: "Ich habe sie nominiert, um ihr Verantwortungsbewusstsein zu stärken." Ausserdem führt der vorherige Fiorentina-Coach einen Verhaltenskodex ein. Wer wegen Revanche-Fouls oder Reklamierens vom Platz fliegt, wird nicht (mehr) für die "Squadra Azzurra" aufgeboten.

Prandelli hat seine Spieler offensichtlich mit mehr Freiheiten ausgestattet als sein strikter Vorgänger Lippi. Die Akteure durften sich ihre Trikotnummern selber auswählen. "Ich gebe diesen Zahlen keine Bedeutung, auch wenn ich verstehe, dass die 10 historisch gesehen die Leute an Magie glauben lässt." Die Nummer des Regisseurs schnappte sich selbstredend Cassano, der dunkelhäutige Balotelli wird die Nummer 9 tragen.

Weniger wegen des Charakters als vielmehr wegen dessen Herkunft zu reden gab die Nominierung von Juve-Stürmer Amauri. Der gebürtige Brasilianer, der als wesentlich umgänglicher als das exzentrisch veranlagte Duo gilt, hat erst kürzlich die italienische Staatsbürgerschaft erhalten. Und dies "nur" darum, weil Vorfahren seiner Ehefrau aus Italien stammen. Lippi hatte in seiner Zeit mit Ausnahme von Mauro Camoranesi (ursprünglich aus Argentinien) auf so genannte "Oriundi" verzichtet und nur auf gebürtige Italiener gesetzt.

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