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Roger Federer (l.) beglückwünscht Rafael Nadal © getty

Das Wimbledon-Finale hat den Sieger Nadal Substanz gekostet. Hat er die Ära Federer dennoch beendet? Die Sport1-Redaktion ist gespalten.

London/München - Das geschichtsträchtige Wimbledon-Endspiel der beiden Ausnahmespieler hat die Tenniswelt aufgewühlt.

Nachdem Rafael Nadal erstmals auch auf Rasen Roger Federer bezwungen hat, sehen viele eine neue Epoche eingeläutet.

Hat Kronprinz Nadal, nominell noch die Nummer zwei der Welt, die Regentschaft von König Federer schon beendet?

Der Schweizer war nach seiner dramatischen Niederlage am Boden. Steht er wieder auf oder hat seine schwerste Stunde Federer nachhaltig getroffen?

Diese und die Frage, wem in Zukunft die Tenniskrone der Herren gehört sind auch in der Sport1.de-Redaktion heiß diskutiert worden.

Sport1-Mitarbeiter Felix Götz glaubt, dass die Wachablösung vom Sonntag eine bleibende ist:

Müde und fehleranfällig

Bei den French Open in Paris ist Rafael Nadal schon längst der unbestrittene König. 2006 und 2007 bezwang er Roger Federer jeweils in vier Sätzen.

Dieses Jahr folgte dann die Demontage: 6:1, 6:3 und 6:0 in nur 107 Minuten. Schon da deutete sich der Machtwechsel an.

Jetzt hat Federer auch noch seinen Titel als Rasen-König eingebüßt. Im Gegensatz zu Nadal scheint sich der 26-Jährige nicht noch weiter steigern zu können, er wirkt müde.

Ihm unterlaufen ungewöhnlich viele, leichte Fehler. Die unbändige Leidenschaft eines Rafael Nadals hat sich gegen die Genialität eines Roger Federers durchsetzt.

Schwächen ausgemerzt, Stärken behalten

Nadal verbessert sich in den letzten Jahren laufend, arbeitet mit seinem Onkel und Trainer Toni Nadal hart an seinen Schwächen, ohne dabei seine Stärken zu vernachlässigen.

So hat er vor allem seinen Aufschlag und sein Volley-Spiel deutlich verbessert, indem er beispielsweise regelmäßig auch im Doppel antritt.

Auch im Kopf ist Nadal momentan stabiler, kann in entscheidenden Momenten zulegen, während Federer nicht hellwach zu sein scheint.

Federer verliert die Nerven

Auch Federer wird bemerkt haben, dass sein Kontrahent in vielen Belangen überholt hat. Vielleicht war die Trennung von seinem Trainer Tony Roche im Mai 2007 bereits ein erstes Indiz dafür, dass der Schweizer Angst um seine Vormachtstellung hatte.

Bis April 2008 war der 26-Jährige dann als Solist auf Tour, ehe er nach enttäuschenden ersten vier Monaten zu Beginn des Jahres mit dem Spanier Jose Higueras doch einen neuen Coach engagierte.

Dieser sollte sein Sandplatzspiel verbessern. Heraus kam die Klatsche in Paris, und eine mindestens ebenso schmerzliche Niederlage in Wimbledon.

Erstmals zeigte der sonst meist coole Schweizer diese Saison auch Nerven. In den Finals von Paris und London, und auch im Halbfinale bei den Australian Open, wo er in drei Sätzen dem Serben Novak Djokovic unterlag, wirkte er oft unkonzentriert.

Trendwende vorhersehbar

Während der letzten drei Wimbledon-Finals war die Trendwende schleichend zu beobachten. 2006 gewann Federer in vier Sätzen noch relativ glatt, 2007 knapp in fünf und 2008 folgte dann der K.O.

Auch in der Weltrangliste schmilzt Federers Vorsprung. Von 1400 Punkte zu Jahresbeginn sind noch 545 übrig. Federer könnte bereits in den nächsten Wochen auf Rang zwei abrutschen, weil Nadal bei den folgenden Turnieren deutlich weniger Weltranglistenpunkte zu verteidigen hat.

Bilanz spricht gegen Federer

Im direkten Vergleich liegt Federer hinter Nadal. Die Fünfsatzniederlage gestern war die neunte Pleite gegen den Spanier auf der ATP-Tour. Dagegen stehen nur fünf Siege.

Nadal zermürbt Federer mit seiner Spielweise, in dem er fast jeden Ball zurückbringt, unermüdlich kämpft und dann auch noch den entscheidenden Konter setzen kann.

Gerade gestern war dem Schweizer die Verzweiflung des Öfteren anzumerken. "Ich habe alles versucht. Aber Rafael hat verdient gewonnen. Er ist der schlimmste Gegner, den man sich vorstellen kann", sagte er nach dem Spiel.

Der jüngere ist im Vorteil

Als der Schwede Björn Borg 1981 kurz vor seinem sechsten Wimbledon-Titel in Folge im Finale an John McEnroe scheiterte, neigte sich seine große Karriere dem Ende entgegen. Borg war damals sogar ein Jahr jünger als es Federer heute ist.

Der Schweizer kommt mit seinen 26 Jahren bereits in ein Tennis-Alter, in dem schon so mancher den Zenit erreicht hatte, oder bereits hinter sich hatte.

Von den großen Wimbledon-Spielern gewann Pete Sampras als 28-Jähriger letztmals in Wimbledon, John Mc Enroe als 25-Jähriger. Klarer Vorteil für den erst 22-jährigen Nadal.

Felix Götz

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