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Seine beste Platzierung hatte Nicolas Kiefer im Jahr 2000 mit Platz vier © getty

Der Tennis-Profi erklärt seinen Rückzug vom Sport und nennt die Gründe. Dabei spielt nicht nur seine kleine Tochter eine Rolle.

München - Halbe Sachen hat er noch nie gemocht. "Ich mache etwas ganz oder gar nicht. Halbherzigkeit ist nicht mein Ding", sagt Nicolas Kiefer.

Deshalb hat er jetzt seine Karriere beendet, für einen wie ihn kann es nicht der Anspruch sein, nach vielen Verletzungen und Rückschlägen im dreistelligen Bereich der Weltrangliste rumzudümpeln.

"Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, denn ich hatte eine Superzeit", sagt der 33-Jährige: "Aber schließlich gibt es auch ein Leben nach dem Sport."

Dieses Leben hat einen Namen. Mabelle Emilienne, seine am 11. August geborene Tochter, hat Kiefers Leben einen völlig neuen Dreh gegeben.

"Möchte keinen Entwicklungsschritt versäumen"

"Ich möchte sie abends beim Einschlafen und morgens beim Aufwachen sehen, ich möchte keinen Entwicklungsschritt versäumen", sagt er.

Jeden Tag entdeckt er an der Kleinen neue Fähigkeiten: "Seit ein paar Tagen kann sie ihre Flasche greifen, solche Sachen will ich erleben und nicht erzählt bekommen."

Nach ihrer Geburt war der junge Vater so aufgeregt, "dass ich zweimal am Tag Currywurst mit Pommes gegessen habe" - für einen Leistungssportler undenkbar.

Aber sein Baby ist nicht der einzige Grund für Kiefers Entschluss, allzu lang und beschwerlich wäre nach immer neuen verletzungsbedingten Rückschlägen der Weg zurück in den Hochleistungssport gewesen.

Kein Spiel mehr seit Juni

Seit seiner Erstrunden-Niederlage gegen den Spanier David Ferrer im Juni in Wimbledon hat Kiefer nicht mehr auf der ATP Tour gespielt: "2011 hätte ich bei null wieder anfangen müssen, und dazu bin ich nicht mehr bereit."

Vermissen wird er nichts - fast nichts: "Um diese Jahreszeit war ich doch nie in Deutschland. Diese Temperaturen kenne ich überhaupt nicht, ich musste mich kleidungstechnisch erstmal winterfest machen. "

Jahr für Jahr ging es in der Weihnachtszeit Richtung Australien, wo im Januar in Melbourne das erste Grand-Slam-Turnier der Saison stattfindet.

"Nicht traurig, nur komisch"

"Ein komisches Gefühl ist es schon", gibt Kiefer zu, "aber nicht traurig. Einfach nur komisch." Gespannt wird er Melbourne im Fernsehen verfolgen, nachts, "das wird hart, aber ich habe ja Mabelle bei mir, die hält einen rund um die Uhr auf Trab".

14 Jahre Profitennis hat Kiefer hinter sich, eine "tolle Zeit, ich möchte keinen Augenblick missen". Ein Geschenk sei es gewesen, "mein Talent, die Chance, ein so außergewöhnliches Leben zu führen".

Dafür hat der Mann, den alle "Kiwi" nennen, hart gearbeitet, seinen verletzungsanfälligen Körper oft bis an die Grenzen getrieben: "Wenn ich heute noch mal neu anfangen könnte, würde ich besser auf meinen Körper achten, von Anfang an mehr Gymnastik machen und schon als junger Spieler mit eigenem Fitnesstrainer reisen."

Größtes Talent nach Becker und Stich

Nicolas Kiefer galt einst als das größte deutsche Talent nach Boris Becker und Michael Stich. 1995 war er die Nummer zwei der Junioren-Weltrangliste, sein Spiel war attraktiv, offensiv und unglaublich schnell.

Sein Erfolgsjahr 1999, als er in seiner Heimatstadt Hannover das Halbfinale der ATP-WM gegen Pete Sampras knapp verlor, beendete Kiefer als Nummer sechs der Welt und damit als dritter Deutscher nach Becker und Stich in den Top Ten.

Im Januar 2000 war er die Nummer vier, es blieb die beste Position seiner Karriere.

Sechs Titel, doch kein Turniersieg

Kiefer gewann in den 14 Jahren seiner Karriere insgesamt sechs Titel, jagte allerdings seit seinem Erfolg im Oktober 2000 in Hongkong vergeblich einem Turniersieg hinterher.

Sein bestes Grand-Slam-Ergebnis war 2006 das Halbfinale bei den Australian Open.

In Wimbledon 1997 und bei den US Open 2000 stand er jeweils im Viertelfinale, bei den French Open in Paris 2005 schaffte er es lediglich bis ins Achtelfinale - irgendwie geht er so ein bisschen als Unvollendeter.

"Klar hätte ich gerne ein Grand-Slam-Turnier gewonnen, ein paar Turniere mehr, aber dafür hätte ich manchmal eben noch ein bisschen mehr riskieren müssen."

Und was ist, wenn Mabelle größer wird, wenn die Rolle des Familienvaters einem quirligen Menschen wie Nicolas Kiefer vielleicht eines Tages nicht mehr reicht?

"Möchte im Tennis bleiben"

"Tennis ist das, was ich am besten kann", sagt er: "Ich möchte schon gerne im Tennis bleiben, aber nicht als Trainer, sondern irgendwie in beratender Funktion."

Wird er denn die Tochter unterstützen, wenn die eines Tages Tennis spielen will? "Ich werde sie ihr Leben lang unterstützen, egal, was sie machen möchte."

Einrosten wird Kiefer nicht, auch wenn der Sport künftig nicht mehr seinen Alltag bis ins kleinste Detail diktiert.

Jetzt kann er endlich nach Herzenslust Fußball spielen, bei seinem Lieblingsverein Hannover 96 hat er sich bei der "Ü 32" angemeldet. "Das sind die alten Herren", sagt er: "Ich hasse diesen Ausdruck." Auch daran wird er sich gewöhnen müssen.

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