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Andy Murray erreichte schon drei Grand-Slam-Finals, ist aber noch ohne Sieg © getty

Der Schotte wartet nach wie vor auf den ersten ganz großen Titel seiner Karriere. Beim ATP-Finale will er den Bann brechen.

London/München - Andy Murray weiß, was die Stunde in London geschlagen hat.

Wie immer vor einem der großen Turniere ist es da, das Gerede vom ewigen Zweiten, vom geborenen Verlierer, vom Unvollendeten, dem in den wichtigen Momenten die Nerven versagen.

Die öffentlichen Zweifel haben bei dem sensiblen Murray ihre Spuren hinterlassen.

"Ich weiß nicht, ob ich jemals einen ganz großen Titel gewinnen werde. Es wäre super, aber es ist irgendwie eine vertrackte Sache", sagte der Weltranglisten-Dritte vor dem Saisonfinale (täglich im LIVESTREAM und LIVE im TV auf SPORT1+) in seiner Wahlheimat London.

Geduldig und konstant

Ein Coup vor den britischen Fans wäre für den Schotten vermutlich ein riesiger Befreiungsschlag.

Es wäre vor allem ein Triumph der Geduld und der Konstanz, denn Murray hat bei allen vier Grand-Slam-Turnieren 2011 mindestens das Halbfinale erreicht.

Auch dank der Masters-Siege in Cincinnati und Shanghai verdrängte der 1, 90 Meter große Schlaks den Schweizer Roger Federer von Platz drei der Rangliste.

Murray spürt den Druck

Die Erfüllung des ganz großen Traums lässt aber noch auf sich warten.

Und der Druck steigt, denn Murray weiß nur zu gut, dass er der Auserwählte ist, der dem Vereinigten Königreich den ersten großen Titel seit Fred Perrys Wimbledonsieg von 1936 bescheren soll.

"Die Erwartungen sind hoch, das spüre ich. Aber ich spüre auch, dass ich den großen Wurf in mir habe", sagte Murray vor Beginn der WM, bei der er in den Gruppenspielen auf den Weltranglistenersten Novak Djokovic (Serbien), David Ferrer (Spanien) und Tomas Berdych (Tschechien) trifft.

Traumatisches Kindheitserlebnis

Doch trotz seines unbändigen Ehrgeizes, der Verzweiflung über vergebene Chancen und des latenten Spotts - den 24-jährigen Murray kann nach einem traumatischen Erlebnis in seiner Kindheit nichts mehr so schnell schocken.

Gut 15 Jahre ist es jetzt her, dass ein mit vier Gewehren bewaffneter Amokläufer in die Grundschule des schottischen 9000-Seelen-Orts Dunblane stürmte. Thomas Hamilton erschoss damals 16 Kinder und eine Lehrerin, später richtete er sich selbst.

[kaltura id="0_rvwjp69f" class="full_size" title="Murray verliert Krimi gegen Berdych"]

Äußerlich unverletzt

Andy Murray und sein ein Jahr älterer Bruder Jamie, ein guter Doppelspieler auf der Tour, konnten ins Büro des Schuldirektors flüchten und blieben bei dem Massaker unverletzt.

Zumindest äußerlich.

Jahrelang hat Andy Murray einen falschen Heimatort angegeben, wenn er sich bei Tennisturnieren eingeschrieben hat. Er wollte nicht ständig auf die Tragödie angesprochen werden, nicht immer wieder von den traumatischen Erlebnissen erzählen müssen.

"Obwohl ich schon gemerkt habe, dass da ganz hinten in meinem Kopf etwas war", gestand Murray.

Konfrontation statt Verdrängung

Seit ein paar Jahren setzt der Sohn einer früheren schottischen Tennis-Landesmeisterin auf Konfrontation statt Verdrängung - und redet.

"Ich hätte eines dieser Kinder sein können, die es getroffen hat", sagte Murray, der in seiner 2008 erschienenen Autobiografie ("Hitting back") ausführlich über seinen "ganz persönlichen Albtraum" schrieb.

Am bedrückendsten sei es gewesen, dass er den Täter kannte. Murray: "Er ist sogar mal mit meiner Mutter und mir im Auto mitgefahren."

Tennis als Heilmittel

Der Tennissport hat dem exzellenten Aufschläger geholfen, das Geschehene besser zu verkraften.

Mit 15 Jahren zog Murray weit weg von zu Hause, nach Barcelona, wo er sich auf seine Profi-Karriere vorbereitete.

Ein knappes Jahrzehnt später will der Schotte jetzt in London das legendäre Highlander-Motto befolgen: Es kann nur einen geben.

Erfolgshungriger Federer

In der Parallelgruppe B spielen Titelverteidiger Federer, French-Open-Sieger Rafael Nadal (Spanien), Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich) und Mardy Fish (USA) gegeneinander.

Federer hatte sich nach einer Saison zum Vergessen zuletzt mit Turniersiegen in Basel und Paris-Bery in Stellung gebracht.

"Ich bin heiß auf Siege und noch lange nicht satt", sagte der 30-jährige Schweizer, dessen letzter Grand-Slam-Triumph fast zwei Jahre zurückliegt. Damals gewann Federer das Finale der Australian Open - gegen einen, der den Ruf des ewigen Zweiten hat: Andy Murray.

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