Becker kritisiert fehlende Kompetenz - und seine Erben
Stuttgart/München - Zumindest bei der Players Night überließ Boris Becker anderen die große Bühne.
Während sich seine einstigen Weggefährten Thomas Muster, Henri Leconte und Goran Ivanisevic als Schlagzeuger und Rocksänger versuchten, schlug der dreimalige Wimbledonsieger in sicherer Entfernung leisere Töne an.
Small Talk war angesagt.
Wenige Stunden zuvor aber hatte Becker am Rande des ATP-Turniers in Stuttgart ordentlich auf die Pauke gehauen.
Der Tennis-Rentner übte Kritik am Deutschen Tennis Bund (DTB), den Wimbledon-Viertelfinalisten Philipp Kohlschreiber und Florian Mayer sowie den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Hauptvorwurf an alle Adressen: Ignoranz - irgendwie.
Vergleich mit DFB-Führung
Besonders mit der Nachwuchsförderung hierzulande zeigte sich Becker am Tag vor dem Titelgewinn des serbischen Weltranglistenachten Janko Tipsarevic (im Finale 6:4, 5:7, 6:3 gegen den Argentinier Juan Monaco) unzufrieden.
"Im deutschen Tennis sind in der Förderung leider einige am Werk, die, sachte ausgedrückt, nicht ganz so viel Bescheid wissen. Man muss die richtigen Leute dahinstellen", forderte der 44-Jährige und nannte den Fußball als leuchtendes Beispiel:
"Nicht umsonst sind Matthias Sammer, Joachim Löw und Oliver Bierhoff so erfolgreich. Sie haben sehr viel Ahnung von der Sache."
Positiver Trend im deutschen Tennis
Kein Verständnis zeigte Becker dafür, dass die zuletzt auf dem heiligen Rasen so überzeugenden Kohlschreiber und Mayer bei der traditionellen Veranstaltung auf dem Stuttgarter Weissenhof durch Abwesenheit glänzten ( DATENCENTER: Die Ergebnisse aus Stuttgart).
"Das verstehe ich nicht ganz. Die besten deutschen Spieler sollten bei den großen deutschen Turnieren spielen."
Allerdings attestierte der sechsmalige Grand-Slam-Sieger seiner Sportart einen deutlichen Aufschwung - und lobte das "Fräuleinwunder" mit Angelique Kerber, Andrea Petkovic und Co.
"Dem deutschen Tennis geht es wieder besser", sagte Becker, "die Frauen haben dabei die Nase vorn, sie sind absolute Weltspitze."
Kerber "kann US Open gewinnen"
Das sieht auch Michael Stich so. Beckers einst größter Rivale traut der Wimbledon-Halbfinalistin Angelique Kerber sogar im September in New York den ganz großen Wurf zu.
"Die US Open kann sie gewinnen. Ich hätte Angelique Kerber schon jetzt zugetraut, Wimbledon zu gewinnen. Da war spielerisch kein Unterschied zu Serena Williams. Kerber hat Selbstvertrauen ohne Ende", sagte der 43-Jährige der "Bild am Sonntag".
Kritik an Sport-Übertragungen
Für Becker indes ist es unverständlich, dass der Tennissport im TV trotz der jüngsten Erfolge weiter ein Mauerblümchendasein fristet.
"Da muss man die öffentlich-rechtlichen Sender in die Verantwortung nehmen und ansprechen. Gerade in Wimbledon gab es Weltklasse-Leistungen deutscher Spieler. Doch die wenigsten haben es mitbekommen, weil man es nicht sehen konnte", sagte Becker - und kritisierte den Fußball-Hype: "Ob man die Fahrt vom Hotel zum Stadion live zeigen muss, weiß ich nicht."
Gerade wenn Weltklasse-Leistungen geboten werden, hätten auch andere Sportarten das Recht, "von einer breiten Öffentlichkeit gesehen zu werden".