vergrößernverkleinern
Nick Bollettieri nahm Tommy Haas mit 13 Jahren an seiner Akademie auf © getty

Haas' Mentor Nick Bollettieri spricht bei SPORT1-Interview über die Macht des Geistes, die Gefahr von Prognosen und Haas' Vermächtnis.

Von Raphael Weber

München - Mit Mitte 30 erlebt Tommy Haas seinen x-ten Frühling: Der gebürtige Hamburger, 2002 die Nummer 2 der Welt, verblüffte in Miami durch seinen Sieg über den Weltranglistenersten Novak Djokovic und den folgenden Halbfinal-Einzug. (DATENCENTER: Alle Ergebnisse)

Plötzlich ist Haas wieder in aller Munde, auch Boris Becker erkundigt sich, wie sich sein einstiger Weggefährte schlägt (Bericht).

Die jetzigen Erfolge darf sich auch sein Mentor von einst zuschreiben: Nick Bollettieri. Der legendäre Schleifer aus Florida nahm Haas als 13-Jährigen unter seine Fittichen und hat ihn noch heute manchmal an seiner Akademie zu Gast.

Im SPORT1-Interview führt Bollettieri die jüngsten Großtaten seines Schützlings auf die Macht des Geistes zurück. Er erklärt, warum Voraussagen schädlich sind, wo Haas' Schwäche liegt und wie sein Vermächtnis aussieht.

SPORT1: Herr Bollettieri, sind Sie überrascht, wie stark Ihr Schützling Tommy Haas im fortgeschrittenen Alter momentan spielt?

Nick Bollettieri: Durch seine jahrelange Erfahrung hat Tommy die Technik, trotz seiner Verletzungen und seines Alters auf diesem hohen Niveau zu spielen. Was alle verständlicherweise überrascht, ist die Frage: Wie kann ein 35-Jähriger das tun, was Tommy gerade tut?

SPORT1: Sie kennen Haas seit seiner Kindheit. Was macht ihn zu so einem besonderen Spieler?

Bollettieri: Als erstes der Glaube an sich selbst. Er sagt sich: 'Ich kann das' und fragt nicht: 'Kann ich das?' Dieser Glaube hat ihm geholfen, dahin zu kommen, wo er heute ist. Dazu ist seine körperliche Verfassung hervorragend. Seine Statur ist großartig für Tennis, und technisch kann er von allem ein bisschen was, ob von der Grundlinie, beim Return, am Netz, Aufschlag oder Volley. Durch seine Technik, seine Hingabe, den Glaube an sich selbst und die Unterstützung seines Teams und mir steht er jetzt da, wo er ist.

SPORT1: Andererseits ist er der wohl beste Spieler, der noch nie ein Major-Turnier gewonnen hat. Warum?

Bollettieri: Man darf eines nie vergessen: Tommy hat etwas geschafft, dass nur ganz wenige Spieler in ihrem Leben geschafft haben: Als er die Nummer 2 der Weltrangliste war, begann sein Körper auf gewisse Weise auseinanderzufallen. Das hat ihn natürlich zurückgeworfen, und doch ist er wieder da. Dabei sind seine Frau und seine wunderschöne Tochter eine unheimlich wichtige Inspiration für Tommy.

SPORT1: Haas selbst sagt: "Du bist nur so alt, wie du dich fühlst". Ist das selbst im Profi-Tennis so?

Bollettieri: Das habe ich ihm eine Million Mal gesagt: Wenn du anfängst, über dein Alter zu reden, wirst du alt. Tommy hat sich den Gedanken in den Kopf gesetzt, dass er ein junger Kerl ist. Das zeigt die Macht des Geistes.

SPORT1: Was kann Haas den an diesem Punkt seiner Karriere erreichen?

Bollettieri: So sollte er nicht denken. Ich würde mich immer nur auf einen Tag konzentrieren. Keine Vorhersagen treffen, nicht über sich selbst reden. Jeder Tag ist ein neuer Tag und er sollte alles daran setzen, weiter so zu spielen. Wenn er das tut, bin ich überzeugt, dass er ein sehr erfolgreiches Jahr haben wird.

SPORT1: Haas legte nach vielen Verletzungen jetzt so ein starkes Comeback hin und besiegte sogar Novak Djokovic. Das war nicht vorhersehbar, oder?

Bollettieri: Nach so vielen Jahren mit Tommy weiß ich nicht, ob es für mich überhaupt noch etwas Unvorhersehbares gibt. Dieser Junge hat bei mir zu Hause gelebt, war ein Teil von mir. Tommy ist eine seltene Persönlichkeit. Seine Entschlossenheit ist der Wahnsinn. Das macht ihn so besonders. Sein Vater sagte etwas sehr Interessantes zu mir, als Tommy um Weihnachten mit Maria Scharapowa hier trainiert hat. Er meinte: 'Nick, wenn du nicht wie ein zweiter Vater für meinen Sohn gewesen wärst und an ihn geglaubt hättest, wäre er nicht da wo er ist.' Das war für mich ein riesiges Kompliment.

SPORT1: An welchen Schwächen muss Haas jetzt noch arbeiten?

Bollettieri: Der Unterschied heute ist, dass bei Tommy in längeren Matches wie gegen David Ferrer (6:4, 2:6 und 3:6 im Halbfinale von Miami, Anm. d. Red.) die Beine und der Aufschlagarm müde werden. Man sieht, dass er keine Kraft mehr aus den Beinen holt und stattdessen seinen Körper gegen den Ball wirft. Das kommt, weil er viele Matches gespielt hat und durch Ferrer gezwungen war, viele Bälle zu schlagen. Darum hat er dieses Match verloren.

SPORT1: Haas bekam in Deutschland nie die Anerkennung wie Boris Becker oder Steffi Graf. Jetzt lieben ihn die Leute. Wie erklären Sie sich das?

Bollettieri: Das ist einfach: Er hat keine Grand-Slam-Titel unter seinem Namen stehen. So ist das im Leben leider nun mal. Die Leute erinnern sich nur an die Gewinner der großen Titel. Die hat Tommy nicht geholt. Aber man sollte ihn nicht mit Becker, Graf oder Michael Stich vergleichen. Als Tommy vor vielen Jahren zu mir kam, glaubte man in Deutschland nicht an ihn. Ich habe von Anfang an an ihn geglaubt. Dann gewann er den Orange Bowl und Deutschland bemerkte: 'Wow, wir haben noch einen guten Spieler.'

SPORT1: Was wird Haas' Vermächtnis sein?

Bollettieri: Er ist eine Inspiration für Deutschland und die ganze Welt! Drei Operationen an Hüfte und Schulter, sein Vater und seine Mutter sind bei einem Motorradunfall beinahe gestorben - trotzdem spielt er so stark, begeistert die Menschen und macht ihnen Mut, nie aufzugeben. Deswegen wird man sich an ihn erinnern.

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel