Davis-Cup-Pleite: Krankheitsfall als Sündenbock
Bamberg - Der Teamgeist ist erschüttert - und Boris Becker tief besorgt:
Die deutsche Davis-Cup-Mannschaft hat bei der 1:4-Erstrundenpleite in der "Frankenhölle" gegen Argentinien in doppelter Hinsicht ihr blaues Wunder erlebt.
Vor allen Dingen Tommy Haas gab sich nach seinem missglückten Comeback in Bamberg als schlechter Verlierer, brach den Ehrenkodex und attackierte den kranken Philipp Kohlschreiber öffentlich.
Ehrengast Boris Becker befürchtet wegen des Zoffs sogar ein nachhaltiges Erdbeben, sprang Haas aber zur Seite: "Das wird so nicht spurlos vorübergehen. Der Teamchef wird sich darüber Gedanken machen", sagte Becker bei "bild" über das "nicht gerade mannschaftsförderliche" Verhalten des untergetauchten Kohlschreiber, während Teamkapitän Patrik Kühnen von einem "verwunderlichen" Benehmen sprach und ein Gespräch mit dem Augsburger ankündigte.
"Es ist schwer zu verkraften"
Auch sportlich zog der neue DTB-Präsident Karl Altenburg ein "enttäuschendes Fazit". Kühnen war nach dem klar verpassten Viertelfinale dann auch untröstlich.
"Es ist bitter, dass wir schon vor dem abschließenden Tag nicht mehr im Rennen waren. Es ist schwer zu verkraften, dass wir ein Match wie das Doppel nicht gewonnen haben", sagte Kühnen nach der entscheidenden 6:3, 6:4, 4:6, 3:6, 4:6-Niederlage von Haas und Philipp Petzschner gegen David Nalbandian/Eduardo Schwank.
Kritik an Kohlschreiber
Da passte es ins Bild des verkorksten Wochenendes, dass Haas den kranken Philipp Kohlschreiber öffentlich attackierte - und so zusätzlich Unruhe stiftete.
"Für mich nicht verständlich, dass er nicht hier war. Es ist sehr schade, dass Philipp nicht mal vorbeigekommen ist", kritisierte Haas den wegen eines Magen-Darm-Infekts ausgefallenen Kohlschreiber ( BERICHT: Haas' Ärger trifft kranken Kohli).
Kühnen zeigt Verständnis
Der Weltranglisten-31. hatte sich bei Kühnen am vergangenen Mittwoch abgemeldet - und sich dann nicht mehr gerührt. Kein Anruf, keine SMS.
"Er sagte mir, er sei zu schwach, um gegen Argentinien spielen zu können. Seitdem hatte ich keinen Kontakt mehr zu Philipp", erklärte Kühnen und zeigte Verständnis für die Haas-Schelte:
"Ich weiß nicht, wie es Philipp geht. Aber wir hätten uns alle gewünscht, wenn er uns wenigstens für einen Tag unterstützt hätte."
Meyer weiter glücklos
Es hätte aber wohl kaum geholfen, denn Petzschner und die deutsche Nummer eins Florian Mayer standen bereits in den ersten Einzeln auf verlorenem Posten.
Während sich US-Open-Doppelsieger Petzschner nach dem 3:6, 3:6, 3:6 gegen Juan Monaco richtigerweise die "Schulnote mangelhaft" gab, wirkte der Weltranglisten-21. Mayer beim 6:2, 0:6, 1:6, 6:7 (5:7) gegen den wie entfesselt aufspielenden Nalbandian komplett hilflos (SERVICE: ATP-Weltrangliste).
Lokalmatador Mayer kassierte rund 50 Kilometer von seinem Wohnort Bayreuth entfernt die dritte Davis-Cup-Einzelpleite in Serie und scheint langsam zur tragischen Figur in dem Mannschafts-Wettbewerb zu werden.
Den einzigen deutschen Punkt holte Debütant Cedrik-Marcel Stebe im letzten Einzel mit 7:6 (7:1), 7:5 gegen Schwank.
Abstieg in der Relegation vermeiden
Statt eines Heimspiels im Viertelfinale samt wichtiger Einnahmen wartet nun wie zuletzt 2010 die Playoff-Runde um den Klassenerhalt auf das Kühnen-Quartett (KÜHNEN exklusiv: Tommy gibt der Mannschaft Selbstvertrauen).
Der Gegner für die Relegation (14. bis 16. September 2012) wird am 11. April ausgelost.
Ein Abstieg wäre ein weiterer Rückschlag, das weiß auch DTB-Boss Altenburg, der eigentlich mit Hilfe siegreicher Spieler eine "Marke aufbauen" und Geldgeber aus der Industrie gewinnen will.
"Und dazu brauchen wir Erfolge", sagte Investmentbanker Altenburg, seit November im Amt.
Sand? Der richtige Belag
Den Grund für die glatte Niederlage sah Kühnen, der laut DTB-Vizepräsident Carl-Uwe Steeb mit einer Verlängerung seines Ende 2012 auslaufenden Vertrages rechnen darf, in der um "einen Tick" besseren Qualität der Argentinier.
Dass er sich überraschend für Sand als Belag entschieden hatte, wollte der Teamchef auch im Nachhinein nicht als Nachteil ansehen.
Kühnen: "Ich würde es wieder so machen." Zumindest war es so gelungen, die argentinische Nummer eins Juan Martin del Potro von einer Teilnahme abzuhalten.
Zwischenfazit positiv
Und auch das wohl aus der Not geborene Experiment, die Partie mangels Angeboten live im Internet statt im TV übertragen zu lassen, bewertete Altenburg positiv.
"Wir wollten einen neuen Weg gehen und junge Zuschauer ansprechen. Selbst beim Fußball wird das ja überlegt", sagte der DTB-Präsident und sprach von einem Zwischenergebnis mit "guten Zahlen".
Allerdings nicht auf dem Scoreboard.