"An den Charakteren kann man nicht viel ändern"
Von Christoph Lother
München - Im Einzel blieb er während seiner gesamten Karriere ohne großen Titel.
Doch im Team, da fühlte sich Alexander Waske schon immer pudelwohl. Davon zeugen unter anderem vier Doppel-Titel.
Auch nach seiner Zeit als aktiver Profi lebt der 37-Jährige seinen Teamgedanken voll aus. Gemeinsam mit Rainer Schüttler leitet er seit 2010 die Tennis-University in Offenbach und kümmert sich dort um die Förderung junger Talente.
Waske verkörpert genau jene Eigenschaft, die der deutschen Davis-Cup-Mannschaft zuletzt abhanden gekommen war.
Bei SPORT1 spricht Waske über das Interesse am Posten des zurückgetretenen Teamchefs Patrik Kühnen, Regeln gegen Eigensinn und sein "gutes Gespräch" mit Philipp Kohlschreiber (BERICHT: "Keine Vertrauensbasis": Kühnen wirft hin). Und er fordert den Nachwuchs auf, den Profis öfter zuzuschauen.
SPORT1: Herr Waske, es war vor Kurzem zu lesen, dass Sie sich als Nachfolger von Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen ins Spiel gebracht haben. Besteht dieses Interesse noch?
Alexander Waske: Das stimmt so nicht ganz, denn ich habe mich nicht ins Gespräch gebracht und es hat auch noch niemand vom Deutschen Tennis-Bund mit mir gesprochen.
SPORT1: Hätten Sie denn grundsätzlich Interesse an diesem Job?
Waske: Klar, die Aufgabe des Davis-Cup-Kapitäns ist sicherlich eine sehr reizvolle Aufgabe, keine Frage.
SPORT1: Was genau könnten Sie bewirken?
Waske: Also zunächst mal muss jemand einen fragen. Dann muss man sehen, mit welchen Kapazitäten und wie viele Wochen man arbeiten kann. Man muss schauen, welches Geld einem zur Verfügung steht, um Trainer einzustellen oder Lehrgänge zu organisieren. Solange man aber nicht weiß, mit welchen Eckdaten man arbeitet, ist es müßig ein Konzept aufzustellen. Generell muss man jedenfalls deutlich früher ansetzen. Die U-Nationalmannschaften müssen zu den Spielen des Davis Cups kommen und sich die Profis auch bei Turnieren vor Ort anschauen. Auch der Übergang vom Jugend- in den Profibereich muss wesentlich früher erfolgen, nicht erst im Alter von 16, 17 oder 18 Jahren.
SPORT1: Könnten Sie die Jobs als Davis-Cup-Kapitän, Trainer von Jürgen Melzer und Leiter Ihrer Tennis-University in Offenbach zeitlich überhaupt vereinbaren?
Waske: Mit Jürgen Melzer habe ich bislang nur zwei Wochen gearbeitet, in Valencia und Paris. Derzeit unterhalten wir uns darüber, wie wir das kommende Jahr gestalten wollen. Aber es gibt noch keinen Vertrag. An meiner University in Offenbach bin ich sehr aktiv und das werde ich auch bleiben. Bislang hat der Davis-Cup-Kapitän vielleicht zehn Wochen im Jahr gearbeitet, damit kann ich nicht meinen Lebensunterhalt bestreiten. Es muss also erstmal geklärt werden, ob ein Davis-Cup-Kapitän gesucht wird, der zehn Wochen oder womöglich sogar 52 Wochen im Jahr zur Verfügung steht.
SPORT1: Ein Doppelfunktion als Davis-Cup-Kapitän und Trainer von Jürgen Melzer wäre also eher unwahrscheinlich.
Waske: Die ist sehr unwahrscheinlich, da auch ein Gewissenskonflikt bestehen würde. Stellen Sie sich vor, ich spiele mit Jürgen gegen Florian Mayer. Das kann nicht funktionieren.
SPORT1: Der deutschen Mannschaft mangelte es zuletzt am nötigen Teamgeist. Ist das eine Eigenschaft, die Sie, der immer als absoluter Mannschaftsspieler galt, zurückbringen könnten?
Waske: Ich denke, an den Charakteren der einzelnen Spieler kann man nicht mehr viel ändern. Aber man kann klare Regeln aufstellen, denen sich jeder im Sinne der Mannschaft zu unterwerfen hat. Und von denen, die bereit sind, für den Erfolg diverse Dinge zu tun, werden die Besten aufgestellt. Was in meinen Augen aber viel wichtiger ist, ist die Arbeit mit den Jüngeren. Der Deutsche Fußball-Bund dient als perfektes Beispiel. Hier wurden im Jahr 2000 einige Strukturen geändert und diese Arbeit trägt nun Früchte. Heute gibt es so viele gute junge Spieler im deutschen Fußball, dass man wahrscheinlich sogar vier Weltklasse-Mannschaften stellen könnte. Der Deutsche Tennis-Bund sollte das genauso machen. Dann hat man in fünf, sechs oder sieben Jahren vielleicht auch wieder eine Generation mit dem einen oder anderen Topathleten.
SPORT1: Wie schlimm steht es denn um die Zukunft des deutschen Tennis? Gibt es derzeit überhaupt junge Talente, die es in Zukunft weiter nach oben schaffen könnten?
Waske: Ja, die gibt es, auch in meiner University. Aber ich möchte keine Namen nennen, denn dadurch würde ich nur unnötigen Druck auf diese Spieler ausüben. Letztlich ist es auch völlig egal, wo diese Spieler herkommen. Hauptsache, der deutsche Tennissport kommt wieder nach vorne und unser Team kann wieder um den Titel mitspielen.
SPORT1: Wie sieht denn Ihr persönliches Verhältnis zu den aktuellen Davis-Cup-Spielern aus?
Waske: Mit Florian Mayer bin ich sehr gut befreundet. Auch mit Philipp Kohlschreiber habe ich in Valencia ein gutes Gespräch gehabt, bei dem wir die eine oder andere Sache klären konnten. Zum Beispiel habe ich kürzlich gesagt, dass in der deutschen Box auch Spieler gesessen hätten, die darauf gehofft hätten, dass der andere verliert, um anschließend selbst zum entscheidenden Mann zu werden. Doch das habe ich nie auf Philipp bezogen und das habe ich ihm auch klar gemacht. Philipp ist ein exzellenter Tennisspieler. Und wie gesagt: die Besten sollten spielen, aber sie sollten sich eben auch diversen Regeln unterwerfen.
SPORT1: Muss der neue Teamchef womöglich aus Kohlschreibers Lager kommen, dass dieser überhaupt noch mal für Deutschland spielt? ( BERICHT: Kohli gegen Kühnen - Ring frei zur nächsten Runde)
Waske: Dafür bin ich der falsche Ansprechpartner, das weiß ich nicht. Aber es gäbe sicherlich einige Kandidaten, die diesen Job machen könnten. Rainer Schüttler beispielsweise, der ein tadelloser Sportsmann ist und mit allen Spielern gut auskommt. Auch Carsten Ariens halte ich für absolut geeignet.
SPORT1: Bis zum Erstrunden-Spiel gegen Argentinien im Februar in Buenos Aires bleibt nicht mehr viel Zeit. Was sind die Dinge, die als erstes getan werden müssen?
Waske: Da können wir machen, was wir wollen und werden trotzdem Außenseiter sein. Wir können nur hoffen, dass alle zur Verfügung stehen. Wenn tatsächlich Kohlschreiber, Haas, Mayer und Philipp Petzschner antreten, wäre das natürlich gigantisch. Aber wir können uns keine neuen Spieler aus dem Hut zaubern.