"Undenkbar, jemals einen Spieler zu bevorzugen"
Von Martin Hoffmann und Katharina Blum
München - Als Tennisprofi war Carsten Arriens zwischenzeitlich der Spieler mit den meisten Disqualifikationen. Ein hochemotionaler Typ eben.
Bei seiner Vorstellung als neuer Kapitän kehrte er mit modischer Kurzhaarfrisur und im schwarzem Anzug auf die große Bühne zurück und zugleich der Vergangenheit den Rücken ( BERICHT: DTB stellt Arriens als Davis-Cup-Teamchef vor).
Von den Emotionen und Streitigkeiten, von denen das deutsche Tennis in den vergangenen Wochen und Monaten geprägt war, möchte er nichts wissen, sondern sagt dazu kurz und knapp: "Nach zehn Jahren ist Zeit für einen Neuanfang."
Im Interview mit SPORT1 spricht er über die Zusammensetzung der Mannschaft, mögliche Interessenskonflikte und die Arbeit von Vorgänger Patrick Kühnen.
SPORT1: Was glauben Sie hat den Ausschlag für Sie gegeben bzw. welche Qualität ist aus Ihrer Sicht die entscheidende, die Sie mitbringen?
Carsten Arriens: Der wesentliche Unterschied ist: Ich habe schon viele Jahre als Trainer auf Top-Niveau gearbeitet, die anderen nicht. Das soll keine Bewertung sein, sondern ist Fakt. Aber grundsätzlich ist das eine Frage, die man besser ans Präsidium stellen müsste. Ich stelle mir das so vor, dass es einen Prozess gab, in dem viele Namen miteinander abgewogen wurden. Die Kandidaten haben dann auch einige Fragen schriftlich beantwortet und offenbar haben meine Antworten überzeugt ( BERICHT: Neuer Teamchef Arriens: "Ein absoluter Topmann").
SPORT1: Sie gelten als Mann des Ausgleichs. Ist das nach all den Streitigkeiten zuletzt der entscheidende Punkt?
Arriens: Das soll keine Floskel sein, sondern ich bin wirklich überzeugt davon, dass es dort keine großen Dinge zu klären und so viel zu harmonisieren gibt. Die Spieler wollen spielen. Nach zehn Jahren ist es doch normal, dass es zu Missverständnissen kommen kann. Wenn das erst nach so langer Zeit passiert, dann finde ich, kann sich Patrik Kühnen auf die Schulter klopfen und sagen: Wow, ich habe eine gute Arbeit gemacht.
SPORT1: Das öffentliche Bild im deutschen Herren-Tennis war zuletzt aber nun mal geprägt von Streitigkeiten. Macht Ihnen das für Ihren Job wirklich überhaupt keine Sorgen?
Arriens: Ich hätte auch keine Angst, wenn dort noch etwas wäre. In den Einzelgesprächen werde ich mich mit jedem Spieler darüber austauschen, aber die meisten Dinge aus der Vergangenheit beziehen sich auf meinen Vorgänger. Und wenn es weitere interne Schwierigkeiten geben sollte, habe ich, glaube ich, eine gute Ader dafür, das aufzulösen.
SPORT1: Werden Sie Philipp Kohlschreiber zurück ins Team holen oder gibt es dafür Vorbedingungen?
Arriens: Das ist ganz einfach zu beantworten: Die besten deutschen Spieler sollen im Davis Cup spielen. Das werden auch alle so unterstreichen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Philipp Kohlschreiber 2009 gegen Spanien beide Einzel in beeindruckender Weise gewann. Und so ein erfahrener und guter Mann wie er gehört selbstverständlich ins Team - ohne Vorbedingungen. Für ihn gelten die gleichen Regeln wir für alle anderen auch, wobei es weniger Regeln als Selbstverständlichkeiten sind.
SPORT1: Patrik Kühnen fehlte am Ende nach eigenen Angaben die Vertrauensbasis. Was fordern Sie vom Verband ein, damit es bei Ihnen nicht dazu kommt?
Arriens: Es ist Zeit für einen Neuanfang. Diese Haltung erwarte ich sowohl von den Spielern als auch vom Verband. Wir wollen nach vorne schauen und als Team zusammenzuarbeiten. Jeder hat dabei seinen Verantwortungsbereich, das ist mir wichtig. In den Gesprächen hatte ich das Gefühl, dass man mir freie Hand lässt. Wenn ich das nicht gehabt hätte, dann hätte ich das nicht gemacht. Aber irgendwann wird auch bei mir der Punkt kommen, an dem es vielleicht eine bessere Lösung gibt und die man dann ergreift.
SPORT1: Das klingt schon am Tag der Vorstellung nach Abschied.
Arriens: Ganz und gar nicht. Aber ich werde mich nicht an etwas festklammern. Aber jetzt kann es gerne fünf bis zehn Jahre so bleiben, wie es ist.
SPORT1: Sie trainieren bei Kurhaus Aachen Mayer, Kohlschreiber, Petzschner und Stebe, man kennt sich also. Kann das nicht auch ein Nachteil sein. Stichwort: Kochen im eigenen Saft?
Arriens: Ich sehe das nur als Vorteil. Wenn man den Teamgedanken hochhalten will, dann ist es doch wichtig, dass man sich sieht und Zeit miteinander verbringt. Das können E-Mails und Telefonate nicht ausgleichen. Deshalb bin ich glücklich darüber, dass sehr viele Spieler in Aachen sind. Dass man das auch anderes sehen kann, ist mir auch klar. Aber ich sehe da keinen Interessenskonflikt.
SPORT1: Sie befürchten also nicht, als Interessenverwalter der Aachener wahrgenommen zu werden – so wie Kühnen als Interessenverwalter von Tommy Haas galt?
Arriens: Auch wenn ich den Mund damit ganz schön voll nehme: Für mich ist es undenkbar, jemals einen Spieler zu bevorzugen. Das würde meiner Grundhaltung widersprechen, ich habe mir immer meine Unabhängigkeit bewahrt. Ich will morgens noch in den Spiegel schauen können. Und das werde ich auch in Zukunft noch können.
SPORT1: Braucht Ihr Team Tommy Haas noch?
Arriens: Ich habe alle Top-Spieler und die zwei, drei dahinter kontaktiert. Einige habe ich erreicht, den anderen auf die Mailbox gesprochen. Diese symbolische Maßnahme war mir sehr wichtig. Das Team braucht die besten Spieler – und Tommy gehört für mich dazu. Ich habe ein halbes Jahr mit ihm zusammengearbeitet und ich bin begeistert, wie er seinen Job angeht. Das war inspirierend.