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Andy Murray gewann 2013 Wimbledon
Andy Murray rangiert in der Weltrangliste derzeit auf Rang sechs © getty

Ein Kindheitserlebnis macht Andy Murray zu schaffen. Der Tennissport half dem US-Open-Halbfinalist bei der Bewältigung.

New York -Andy Murray sitzt entspannt auf einem Stuhl und wirkt total gelassen, als er über die nahe Zukunft spricht.

Selbst die indirekte Kampfansage an den Weltranglisten-Ersten Rafael Nadal geht der großen britischen Tennishoffnung bei den US Open fast gleichgültig über die Lippen.

"Jetzt bin ich im Halbfinale, und ich werde alles versuchen, um das Turnier zu gewinnen", sagte der 21-Jährige vor dem ersten Grand-Slam-Semifinale seiner Karriere am Samstag in New York gegen Nadal.

Schlaks aus Schottland

Auf die Frage, warum er selbst nach nervenaufreibenden Spielen wie dem knapp vierstündigen Viertelfinale gegen Juan Martin Del Potro (Argentinien) so unglaublich gefasst wirke, kann der Weltranglisten-Sechste Murray nur müde lächeln.

Den Schlaks aus einem schottischen 9000-Seelen-Dorf kann nach dem traumatischen Erlebnis seiner Kindheit nichts mehr so schnell aus der Fassung bringen.

Schulmassaker mit Glück überlebt

Zwölfeinhalb Jahre ist es jetzt fast her, dass ein mit vier Gewehren bewaffneter Amokläufer in die Grundschule von Dunblane stürmte.

Thomas Hamilton erschoss 16 Kinder und eine Lehrerin, später richtete er sich selbst. Andy Murray und sein ein Jahr älterer Bruder Jamie, der bei den US Open im Mixed-Finale stand, konnten ins Büro des Schuldirektors flüchten und blieben bei dem Massaker unverletzt.

Tragödie immer im Hinterkopf

Zumindest äußerlich. Jahrelang hat Andy Murray einen falschen Heimatort angegeben, wenn er sich bei Tennisturnieren eingeschrieben hat.

Er wollte nicht ständig auf die Tragödie angesprochen werden, nicht immer wieder von den traumatischen Erlebnissen erzählen müssen. "Obwohl ich schon gemerkt habe, dass da ganz hinten in meinem Kopf etwas war", gesteht Murray.

"Ein schreckliches Gefühl"

Mittlerweile setzt der Sohn einer früheren schottischen Tennis-Landesmeisterin auf Konfrontation statt Verdrängung - und redet. "Ich hätte eines dieser Kinder sein können, die es getroffen hat", sagt Murray.

In seiner vor ein paar Wochen erschienenen Autobiographie ("Hitting back") erzählt er von seinen "lückenhaften Erinnerungen" an den Tag X: "Ich weiß nur noch, dass wir im Klassenzimmer Lieder gesungen haben."

Am Bedrückendsten ist für den exzellenten Aufschläger die Tatsache, dass er den Täter kannte. Murray: "Er ist sogar mal mit meiner Mutter und mir im Auto mitgefahren. Das ist ein schreckliches Gefühl. Das kann man nicht so einfach verarbeiten. "

Mittlerweile unter den Top Vier

Der Tennissport hat ihm geholfen, das Geschehene besser zu verkraften. Mit 15 Jahren zog Murray weit weg von zu Hause nach Barcelona und bereitete sich dort auf seine Profi-Karriere vor.

Auf der britischen Insel zählt der "Highlander" mittlerweile längst zu den Sportidolen.

Durch seine Halbfinal-Teilnahme in New York ist ihm in der Weltrangliste ein Platz in den Top Vier sicher.

Ein Sieg gegen Nadal wäre ein weiterer Höhepunkt. Doch die härteste Prüfung in seinem Leben, die hat Andy Murray schon als Kind bestanden.

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