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Boris Becker gewann 1985, 1986 und 1989 in Wimbledon © getty

Vor 24 Jahren mischt ein unbekümmerter deutscher Teenager beim traditionsreichsten aller Turniere die gesamte Tennis-Elite auf.

Von Nils Reschke

München - Diese Geschichte wurde schon einhundert und ein Mal erzählt. Und doch wird sie immer so faszinierend bleiben, wie der Sportler, der sie schrieb. Jahre später sollte er den Ort, an dem sie stattfand, "sein Wohnzimmer" nennen.

1985 sorgte der unbekümmerte, etwas schüchterne Rotschopf dafür, dass ? je näher er dem Finale rückte ? auch in deutschen Wohnzimmern enger zusammengerückt wurde. "Bum-Bum-Becker" wurde in seiner Heimat zum Straßenfeger.

Sein erster Sieg im Tennis-Mekka Wimbledon wird unvergessen bleiben. Und immer dann, wenn das älteste Turnier der Welt in London seine Pforten öffnet, denkt man wehmütig daran zurück.

Eine Show a la "Bobbele"

An jenem 7. Juli 1985 jedenfalls war es so weit. Nachdem erst ich alleine, dann mein Bruder und schließlich auch mein Vater den Fernseher gegen die Frau im Haus verteidigen mussten, gesellte sich beim Endspiel auch meine Mutter zu uns.

So war es in vielen Familien. Becker lieferte mehr als Tennis. "Bobele" machte eine Show daraus, wie Thomas Gottschalk aus "Wetten, dass...?".

Nach den beiden Auftaktrunden gegen die US-Amerikaner Hank Pfister und Matt Anger wartete mit dem Schweden Joakim Nyström der erste schwere Brocken.

Spätestens nach dem 9:7 im fünften, entscheidenden Satz hatte der Rotschopf es geschafft ? ich, und mit mir tausende sportbegeisterte Zuschauer vor dem Fernseher waren im Tennis-Fieber.

Durchmarsch bis ins Finale

Im Achtelfinale gegen Tim Mayotte lief der 17-Jährige einem 1:2 nach Sätzen hinterher, gewann Durchgang Nummer fünf aber ganz routiniert 6:2.

Henri Leconte und Anders Jarryd wussten ihn auch nicht aufzuhalten. In der Nacht vor dem Endspiel habe er geträumt. Die Herzogin von Kent habe ihm den Siegerpokal überreicht, verriet er seinem Trainer Günther Bosch beim morgendlichen Frühstück. Der Traum sollte Wirklichkeit werden.

"Ich erinnere mich sehr genau an mein letztes Aufschlagspiel zum Match, an den Matchball selbst und an die Siegerehrung, von der ich geträumt hatte", erzählt der bis heute jüngste Wimbledon-Sieger aller Zeiten später.

"Ich weiß aber auch noch ganz genau, wie Kevin Curren und ich auf den Platz gegangen sind, ich zuerst. Ich wollte in all den Jahren immer als Erster auf den Centre Court, weil ich immer den ersten der beiden Stühle haben wollte. Das war aber nur in Wimbledon so."

Nur in seinem Wohnzimmer, wo er um exakt 14.09 Uhr zum ersten Mal servierte.

Das Match kippt nicht

Sein erstes Spiel bringt der 17-Jährige mit solch einer Routine durch, dass den feinen Herren in den Logen fast die Erdbeeren im Hals stecken bleiben.

Das gewöhnliche Publikum indes hat längst ihren Liebling gekürt. Ein Deutscher in England ? was auf den ersten Blick unmöglich scheint, das funktionierte mit Boris Becker und den Zuschauern von Wimbledon.

Denn "Bum-Bum-Becker" blieb sich immer treu. Emotionen inklusive Becker-Faust, Kämpferherz inklusive Becker-Hecht, gnadenlos beim Becker-Blocker, seinem gefürchteten Rückhand-Return: Boris definierte das Tennis neu. Und diese Art gefiel selbst den Engländern.

Dem Südafrikaner Kevin Curren allerdings schmeckte das wenig. Wütend dreht er im zweiten Satz im Tie-Break ein 2:4 noch, gleicht schließlich aus.

Das Publikum wird nervös, denn das Match droht zugunsten des Favoriten zu kippen. Doch Becker dreht den Spieß um, gewinnt Satz drei ebenfalls im Tie-Break und schafft gleich zu Beginn des vierten Satz ein weiteres Break. 112854(Diashow: Die besten Bilder aus Wimbledon 2009)

"Boris Löwenherz"

Der Rest ist bekannt. Die Uhr zeigt 17:26. Einen Matchball hatte Curren bereits abwehren müssen. Einen zweiten versiebt der "rote Baron" höchstpersönlich.

Die Zuschauer schreien beim Doppelfehler auf, doch Boris Becker bleibt die Ruhe in Person, während seine Zunge über die Lippen tanzt. Der Ball fliegt in der Luft und der 17-Jährige legt all seine Kraft in diesen Aufschlag. Curren kann nur noch den Schläger hinhalten, doch die Filzkugel kann er nicht mehr übers Netz bringen.

Boris streckt sich, reißt die Hände in den Himmel. "Game, Set and Match, Becker!"

Und treffender als der TV-Kommentator von damals kann man es nicht formulieren: "Boris Löwenherz möchte man ihn fast nennen, er schreibt Tennis-Geschichte."

Eine Geschichte, die gar nicht oft genug erzählt werden kann.

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