Die French Open sind in vollem Gange. SPORT1-Redakteur Wolfgang Kleine erinnert sich an Dramen und den "Hausfrauen-Aufschlag".

Boris Becker brachte die Überlegenheit in einem dramatischen Tennis-Match auf den Punkt: "Über Sieg und Niederlage entscheidet der Kopf."

Während derzeit die French Open in Paris auf die Finals zusteuern, gab es in dieser Hinsicht einige Dramen.

Vor elf Jahren war es auf der roten Asche von Roland Garros eine Schweizer Weltklassespielerin, die verzweifelt reagierte. 15.000 auf dem Centre Court und Millionen vor den TV-Schirmen konnten kaum glauben, was da in der Endphase eines legendären Endspiels der Damen im Juni 1999 gegen Steffi Graf geschah.

Martina Hingis blickte wie paralysiert in die Zuschauermenge. Sie hatte Aufschlag. Alle erwarteten ein Service über den Kopf. Doch Hingis spielte Psycho-Theater. Sie servierte von unten, Steffi war von dem "Hausfrauen-Aufschlag" überrascht und verschlug den Ball.

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Die Zuschauer pfiffen, sie waren aufgebracht. Die Unsportlichkeit nahmen sie nicht hin. Das raubte Hingis endgültig den Nerv. Kurz darauf verwandelte Steffi beim 4:6, 7:5, 6:2-Erfolg ihren Matchball. Die Fans feierten die Gräfin, Hingis war entsetzt. Sie verschwand in die Kabine und wollte auch zu Siegerehrung nicht mehr auf den Centre Court erscheinen.

Ihre Mutter Melanie Molitor rannte von der Tribüne aus hinter ihr her. Minutenlang warteten die Fans und feierten Steffi. Erst dann kam Martina Hingis, von ihrer Mutter im Arm gestützt, weinend auf den Court zurück.

Die sonst oft unterkühlt wirkende Steffi Graf wurde mit "Steffi, Steffi"-Rufen gefeiert, Hingis schluchzte unter Tränen: "Vielleicht seid ihr da oben im nächsten Jahr auf meiner Seite." Hier hatte Martina Hingis alle Sympathien verspielt.

Doch ein "Hausfrauen-Aufschlag" kann bei den Zuschauern auch das Gegenteil bewirken. So erlebte es Miloslav Mecir am 26. Mai 1985 auf der Asche des Düsseldorfer Rochusclubs. Im Finale des World Team Cup zwischen den USA und der CSSR konnte Miloslav Mecir im zweiten Einzel gegen Jimmy Connors alles klar machen.

Wie sagte Boris Becker: "Ein Match wird im Kopf entschieden." Mecir stand vor dem Sieg, da wurden plötzlich die Arme schwer. Die "Katze", wie er genannt wurde, stand neben sich. Er blickte in die Menge, blickte auf die Asche. Es ging nichts mehr. "Jimbo" beherrschte das Match. Vor allem Mecirs Aufschläge kamen nicht mehr..

Auf einmal, voller Verzweiflung, servierte Mecir den "Hausfrauen-Aufschlag". Er tat es noch ein zweites Mal. Doch Connors ließ sich durch die unkonventionelle Spielweise seines Gegners nicht beeindrucken und gewann mit 7:5 den Satz und das Match. Mecir schlich mit Tränen in den Augen vom Platz.

Doch dann kam die Überraschung: Bei der Siegerehrung für die US-Amerikaner, die zum Schluss auch das Doppel gewannen, waren nicht Connors, John McEnroe und Co. die gefeierten Stars, sondern ein Verlierer.

Als Miloslav Mecir vom Stadionsprecher aufgerufen wurde, standen die Zuschauer auf dem Centre Court auf und spendeten ihm mit minutenlangen Standing Ovations Trost.

Wie Mecir später einmal verriet, war es für ihn der eindrucksvollste Moment seiner so oft erfolgreichen Spieler-Karriere.

Mich erinnert dies an die radsportbegeisterten Franzosen bei der Tour de France: Sie achten den Sieger, aber der Verlierer wird von ihnen geliebt.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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